Lernen durch Engagement

Service-Learning – Lernen durch Engagement (LdE) ist eine Lehr- und Lernform, die gesellschaftliches Engagement von Schüler/-innen mit fachlichem Lernen verbindet (Seifert, Zentner & Nagy 2012). Die Kinder und Jugendlichen setzen sich für das Gemeinwohl ein, sei es im sozialen, ökologischen, politischen oder kulturellen Bereich. Sie tun etwas für andere Menschen und für die Gesellschaft und sammeln dabei demokratische Erfahrungen (Service). Sie engagieren sich aber nicht losgelöst von oder zusätzlich zur Schule, sondern als Teil von Unterricht und eng verbunden mit dem fachlichen Lernen. Das Engagement wird im Unterricht geplant, die Erfahrungen, welche die Schüler/-innen beim praktischen Einsatz sammeln, werden reflektiert und mit Inhalten der Bildungs- und Lehrpläne verknüpft (Learning).

Lernen durch Engagement ist für alle Schulformen, alle Altersstufen und alle Unterrichtsfächer geeignet:

  • Schüler/-innen setzen sich z.B. in Physik und Chemie mit komplexen Naturphänomenen auseinander und entwickeln daraus einfache Mitmach-Experimente für Experimentiernachmittage mit den Vorschulkindern einer nahegelegenen Kita oder
  • Schüler/-innen beschäftigen sich in Ethik, Deutsch und Biologie mit unterschiedlichen Aspekten des Themas “Alt werden” und organisieren Gedächtnis- und Computertrainings für die Senioren/-innen eines Pflegeheims im Schulumfeld.
  • Ein weiteres Beispiel bietet das Fach Sozialkunde: Schüler/-innen behandeln das Thema Bürgerbeteiligung und Lokalpolitik und entwickeln in Kooperation mit dem Bezirksamt eine Online-Umfrage zur Gestaltung öffentlicher Flächen im Stadtteil; die Ergebnisse bringen sie in den Stadtplanungsausschuss ein.

Was sind die Ziele?

  • Schüler/-innen und Lehrer/-innen trainieren Demokratie- und Sozialkompetenz.
  • Schüler/-innen lernen Wissen praktisch anzuwenden und produktiv für die Gesellschaft einzubringen. Sie verstehen schulische Inhalte tiefer und umfassender.
  • Schüler/-innen werden motivierter, selbstbewusster und leistungsstärker, ihre Haltung zu Schule wird positiver.
  • Schule verändert sich: Sie öffnet sich nach außen, entwickelt ein Klima der Kooperation und verstärkt die individuelle Förderung von Schüler/-innen.

Das Netzwerk "Service-Learning – Lernen durch Engagement". Zum Vergrößern bitte auf das Bild klicken. Das Netzwerk "Service-Learning – Lernen durch Engagement". Zum Vergrößern bitte auf das Bild klicken.

Was macht das Programm Lernen durch Engagement ?

  • setzt sich für LdE als Lehr – und Lernform der Unterrichts- und Schulentwicklung sowie der Förderung des bürgerschaftlichen Engagements an allen Schulformen im gesamten Bundesgebiet ein. Dafür wurde das Netzwerk “Service-Learning – Lernen durch Engagement” initiiert. Das Netzwerk ist ein Zusammenschluss von Schulen und regionalen Partnern in zurzeit fünfzehn Bundesländern.
  • fördert, betreut und pflegt das Netzwerk “Service-Learning – Lernen durch Engagement”. Im Netzwerk werden inzwischen über 150 Schulen für LdE fortgebildet und bei der Umsetzung von LdE beraten und betreut. Die Partner fungieren als LdE-Kompetenzzentren, die regional oder landesweit Schulen für LdE gewinnen, sie bei der Umsetzung der Lehr- und Lernform beraten, begleiten und die Schulen miteinander in Austausch bringen.
  • entwickelt wissenschaftlich fundiert und abgeleitet aus der pädagogischen Praxis (durch eigene Schulbegleitung) Qualitätsstandards für LdE und kümmert sich um die inhaltliche Weiterentwicklung des Ansatzes, z.B. durch die Entwicklung von Publikationen und Materialien für Lehrer/-innen und Schulbegleiter/-innen sowie die Durchführung wissenschaftlicher Forschung und innovativer Modell- und Kooperationsprojekte.
  • kooperiert mit mehreren Universitäten und Hochschulen bundesweit, um die Lehr- und Lernform Service-Learning weiter zu verankern, speziell in der Lehrerausbildung.
  • vertritt das Thema Service-Learning – Lernen durch Engagement in der Fachöffentlichkeit und in der Bildungs- sowie in der Jugend- und Engagementpolitik.

Aktuelle Modellprojekte

“Service-Learning in den MINT-Fächern” – Fachliches Lernen im MINT-Unterricht mit einem gesellschaftlichen Engagement verbinden.
Die Siemens Stiftung und die Freudenberg Stiftung setzen sich für einen forschenden, handlungsorientierten und wertebildenden MINT-Unterricht ein. Mit der Verknüpfung ihrer Programme – das naturwissenschaftlich-technische Bildungsprogramm Experimento der Siemens Stiftung und Lernen durch Engagement der Freudenberg Stiftung – entwickeln sie erste Ansätze und Materialien für die Vermittlung von Werten im MINT-Bereich. Schüler/-innen erfahren die gesellschaftliche Relevanz von Naturwissenschaften und Technik. Sie stärken ihr Verantwortungsbewusstsein für Natur und Umwelt im Sinne des Gemeinwohls und bauen ihre Wertvorstellungen aktiv aus. Engagierte Lehrer/-innen aus Grund- und weiterführenden Schulen in Sachsen-Anhalt, Berlin und Bayern gestalten das Modellprojekt und erproben gemeinsam mit den Schüler/-innen den Einsatz von Lernen durch Engagement beispielsweise im Sachunterrichten, Mathematik, Chemie- oder Biologieunterricht. Die Praxiserfahrungen fließen anschließend in die Entwicklung von Unterrichtsmaterialien für Lehrkräfte ein.

Lernen durch Engagement für Chancen im Beruf”
Lernen durch Engagement für Chancen im Beruf” ist ein 2015 gestartetes, mehrjähriges Kooperationsvorhaben der Freudenberg Stiftung und der Deutsche Bahn Stiftung, das zum Ziel hat, mit Lernen durch Engagement die Ausbildungsfähigkeit und die Berufsorientierung von Jugendlichen zu stärken. LdE kann – bei entsprechender Schwerpunktsetzung – die Ausbildungssituation von Jugendlichen und jungen Erwachsenen verbessern. Hierzu müssen das Stärken ausbildungsrelevanter Kompetenzen sowie die Berufsorientierung bewusst als pädagogische Ziele definiert sein, und das Engagement der Schüler/-innen sollte sich auch inhaltlich mit dualer Ausbildung und Berufsorientierung beschäftigen.

Wer finanziert Lernen durch Engagement ?

  • Freudenberg Stiftung, Weinheim
  • Siemens Stiftung (Modellprojekt “Service-Learning in den MINT-Fächern”, seit 2014)
  • Deutsche Bahn Stiftung (Modellprojekt “Lernen durch Engagement für Chancen im Beruf”, seit 2015)
  • Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), Förderung einer bundesweiten Schulbegleiterqualifizierung mit dem Ziel der Ausweitung des Netzwerks und Gewinnung neuer LdE-Kompetenzzentren, 2012-2014

Im Netzwerk stecken zudem die Eigenmittel der Kompetenzzentren vor Ort.

Praktische Erfahrungen werden reflektiert und mit Inhalten der Bildungs- und Lehrpläne verknüpft. Praktische Erfahrungen werden reflektiert und mit Inhalten der Bildungs- und Lehrpläne verknüpft.

Welche Partner unterstützen Lernen durch Engagement?

  • LdE-Kompetenzzentren: Bürgerstiftung für Chemnitz, BürgerStiftung Hamburg, Bürgerstiftung Pfalz, Ehrenamt Agentur Essen, Freiwilligen Zentrum Augsburg, Freiwilligenagentur Bremerhaven, Freiwilligen-Agentur Halle-Saalkreis e.V., Freiwilligen-Zentrale Viersen, IN VIA Aachen, IN VIA Freiburg, IN VIA Köln, IN VIA Lübeck, IN VIA Quakenbrück, Job Central Weinheim, Johanniter-Hilfsgemeinschaft Altmark, Katholische LandvolkHochschule Oesede, Kurt-Tucholsky-Schule Flensburg, Mehrgenerationenhaus Haßfurt, Mehrgenerationenhaus Kiezoase Schöneberg, Nachbarschaftsheim Neukölln, Omnibus – die Freiwilligenagentur Werra-Meißner-Kreis, Schulpsychologisches Beratungszentrum Ludwigshafen des Pädagogischen Landesinstituts Rheinland-Pfalz, Pfefferwerk Stadtkultur Berlin, RAA Brandenburg, RAA Mecklenburg-Vorpommern, Stiftung Gute-Tat.de (Berlin, Hamburg, München), Thüringer Landesinstitut für Lehrerfortbildung, Lehrplanentwicklung und Medien/ThiLLM

Warum engagiert sich die Freudenberg Stiftung für Lernen durch Engagement?

Lernen durch Engagement ermöglicht Kindern und Jugendlichen wertvolle Erfahrungen zur demokratischen Verantwortungsübernahme. Sie können dabei Partizipation, Selbstwirksamkeit und Anerkennung erleben und zugleich wichtige fachliche und soziale Kompetenzen erwerben. Durch die enge Einbindung in die Schule erreicht LdE Kinder und Jugendliche unabhängig von ihrem Alter oder Geschlecht, ihrer sozialen Herkunft und dem Bildungshintergrund der Eltern. Für sie alle braucht es verlässliche Bildungserfahrungen, die ihre Empathie, ihr Verantwortungsbewusstsein, ihr Engagement und ihr Kompetenzerleben stärken. Bei LdE etwas für andere zu tun und dabei für sich selbst zu lernen, hilft Heranwachsenden, sich mit anderen verbunden zu fühlen und an anspruchsvollen Aufgaben über sich selbst hinauszuwachsen. LdE steht damit in enger Beziehung zu den Zielen der Freudenberg Stiftung, allen voran der Stärkung der Demokratie als Lebensform, der Integration und Teilhaber aller Menschen an unserer Gesellschaft und dem möglichst frühen Lernen und Erleben demokratischer Kultur.

Kontakt

Freudenberg Stiftung
Lernen durch Engagement
Sandra Zentner
Brunnenstraße 29
D-10119 Berlin
Tel.: 0049-(0)30-440 460 30
Fax: 0049-(0)30-440 460 66
www.lernen-durch-engagement.de
sandra.zentner@freudenbergstiftung.de
http://www.lernen-durch-engagement.de

Aktuelle Literatur zum Thema:

Copyright VS Verlag & Beltz Verlag

  • Seifert, A.; Zentner, S.; Nagy, F. (2012). Praxisbuch Service-Learning. “Lernen durch Engagement” an Schulen. Weinheim und Basel: Beltz.
  • Seifert, A. (2011). Resilienzförderung an der Schule: Eine Studie zu Service-Learning mit Schülern aus Risikolagen. Wiesbaden: VS-Verlag.
  • Seifert, A. & Zentner, S. (2010). Service-Learning – Lernen durch Engagement: Methode, Qualität, Beispiele und ausgewählte Schwerpunkte. Eine Publikation des Netzwerks Lernen durch Engagement. Weinheim: Freudenberg Stiftung. [download]

Change Story

Halil entwickelt Ehrgeiz
Halil befürchtete Schlimmes im neuen Schuljahr. Der Lehrplan für Deutsch sah dieses Jahr besonders langweilig aus: Personenbeschreibungen, Abläufe schildern, betontes Vorlesen. Im nächsten Fach wurde es noch schlimmer. In Arbeitslehre sollte es in diesem Schuljahr um soziale Einrichtungen und Berufe gehen. Für Halil hörte sich das alles einfach nur langweilig an. Und dann sollten Halil und die anderen Jugendlichen sich noch in sozialen Einrichtungen engagieren. Das klang verdächtig nach zusätzlicher Arbeit. Und nach Mädchenkram, denn was macht ein echter Kerl im Altenheim oder im Kindergarten? Halil ging also widerwillig in den Kindergarten, doch die Kinder dort bekamen schnell leuchtende Augen, denn Halil berichtete, dass er gerne Fußball spielt. Genau das fehlt hier, fanden auch die Erzieherinnen – eine männliche Bezugsperson, die mit den Kindern Sport macht und tobt. Also ging Halil ab sofort einmal die Woche dort hin und stand mit seinem Fußball plötzlich im Mittelpunkt. Die Kinder waren begeistert, er war ´der Große´, die Kids hörten auf ihn und rissen sich darum, mit ihm zu kicken. Halil fühlte sich gut. So viel Spaß hat ihm Schule lange nicht gemacht – für die Kinder da sein, sich engagieren, das kommt Halil sinnvoll vor. Er berichtete davon in der nächsten Arbeitslehre-Stunde. In Deutsch fiel ihm die Beschreibung einer Person so leicht wie noch nie, er schrieb einfach über eine Erzieherin, die er beim Engagement kennengelernt hatte. Die Schule schien plötzlich ein wenig Freude zu machen, doch der Alltag hatte Halil schnell wieder eingeholt: Für den Rest der Stunde stand nämlich „Vorlesen“ auf dem Lehrplan. Halil fand es langweilig, vor allem weil er nur sehr schlecht vorlesen konnte.

Die langweilige Deutschstunde sorgte aber wenigstens dafür, dass sich Halil wieder auf den Besuch in der KiTa freute. Doch dort schien es jetzt auch schlimmer zu werden: Die Kinder fragten ihn, ob er ihnen diesmal etwas vorlesen könne! Und wie Kinder eben so sind: sie ließen nicht locker. Also sprang Halil über seinen eigenen Schatten und griff zu einem der herumliegenden Kinderbücher. Und als er merkte, dass die Kinder umso ruhiger waren und ihm besser zuhörten, je besser er las, war er ein bisschen froh, dass sie in der Schule geübt hatten. Und er entwickelte einen Ehrgeiz: Er wollte jetzt endlich lernen, betont und flüssig zu lesen.