Besuch des Bundespräsidenten in Mannheim "Zuwanderung gestalten - Minderheiten schätzen und schützen"

Annette Dorothea Weber, Leitung Community art Center, Mannheim und Bundespräsident Joachim Gauck, Copyright:  Bundesregierung / Steffen Kugler Annette Dorothea Weber, Leitung Community art Center, Mannheim und Bundespräsident Joachim Gauck, Copyright: Bundesregierung / Steffen Kugler

Bundespräsident Gauck besuchte am 7. November 2013 die Stadt Mannheim, weil die Stadt in Zusammenarbeit mit dem Land und der Zivilgesellschaft aus Bundesperspektive auf vorbildliche Weise aktiv mit der Neuzuwanderung von EU-BürgerInnen aus Bulgarien und Rumänien, darunter viele Roma, umgeht. Schwerpunkt des Besuchs war die Situation der Kinder, Jugendlichen und Familien, die im Stadtteil Neckarstadt-West eine neue Perspektive für ihre Existenzsicherung und eine neue Heimat suchen. Zugleich wollte sich der Bundespräsident in seinen Gesprächen mit der Lage der deutschen Sinti und Roma und dem wieder erstarkenden Antiziganismus auseinandersetzen. Aufgrund der zentralen Rolle der Freudenberg Stiftung für den Aufbau von Quartiermanagement in der Neckarstadt-West, als Partnerin für Schulentwicklung im Stadtteil, als Trägerin des Community art Centers, als Gesellschafterin von RomnoKher und als Geburtshelferin und Stiftungsratsmitglied der Hildegard-Lagrenne-Stiftung war die Freudenberg Stiftung zentral beteiligt bei der Vorbereitung und Ausgestaltung der Gespräche vor Ort.

In der Neckarschule wurde deutlich, wie Zugangsbarrieren für neu eingewanderte Kinder durch schulische Anstrengungen gemindert werden und Partizipation ermöglicht wird. Auch durch die Mitwirkung im Stiftungsprogramm Lernen durch Engagement hat die Schule vor Jahren erkannt, was es zu einer demokratischen Schulkultur braucht. Dazu gehören insbesondere eine Willkommenskultur an der Schule, Gemeinschaftsgeist und Klassenrat, in dem die Kinder über ihre Fragen und Probleme sprechen können. Aber auch spezifische Vorbereitungsklassen für die Kinder, die meist ohne jegliche Deutschkenntnisse aus ärmlichen Verhältnissen hierher kommen. Mittels muttersprachlicher Schulsozialarbeit und guter Zusammenarbeit mit den Eltern wird den Kindern der Start in der fremden Lebenswelt erleichtert. Dass die Schule dafür zusätzliche Lehrerstunden über die städtischen Mittel aus dem Integrationsfonds hinaus bekommt, dafür will sich der Bundespräsident jenseits aller Zuständigkeit einsetzen.
Im Community art Center mannheim diskutierten Schülerinnen und Schüler aus dem Projekt „Theater zum Abkühlen“, in dem sie seit drei Jahren mit der Theaterregisseurin und künstlerischen Leiterin des Community art Center, aktiv sind, nach einer Lesung des “Zigeunerboxers” mit dem Bundespräsidenten über die Themen Abwertung und Ausgrenzung, in der Nazizeit und heute. Und darüber, ob “Zigeuner” ein Schimpfwort und was mit “undeutsch” gemeint ist. Angesprochen auf die aktuelle Situation der Neuzuwanderung in den Stadtteil sagte ein Mädchen mit türkischem Hintergrund: “Meine Familie ist ja auch hierhergekommen. Warum sollte ich dann etwas dagegen haben?” Und dennoch stehen auch im Schulhof die Kinder und Jugendlichen aus Bulgarien oft für sich, obwohl sie auch meist Türkisch sprechen. Am Ende der Diskussion ist die demokratische Mikrokultur spürbar, die es braucht, um andere als anders, aber gleichwertig wahrzunehmen. Wir sind doch alle verschieden und gehören doch zusammen, mit dieser Botschaft schließt der Bundespräsident das Gespräch ab. Friedliches Miteinander unterschiedlicher Kulturen, Gruppen und Individuen in Schule und Nachbarschaft fällt eben nicht vom Himmel, sondern muss erlernt werden, damit das gewaltfreie und demokratische Miteinander gelingt und nicht Rassismus und Abwertung anderer dominieren. Dabei kann Kunst als Mittel zur Veränderung und zum Aufbrechen von Stigmatisierung eine zentrale Rolle spielen.

Im Bildungshaus RomnoKher hat der Bundespräsident die Antiziganismus-Ausstellung “Typisch Zigeuner?” besucht und über die Ergebnisse der Bildungsstudie , an deren Entwicklung die Freudenberg Stiftung beteiligt war, diskutiert. Der dabei sichtbar werdende Bildungsaufbruch in der Minderheit selbst war Ausgangspunkt für die ebenfalls thematisierte Gründung der Hildegard-Lagrenne-Stiftung nach der Mahnmaleinweihung im Oktober 2012 in Berlin. Nicht erst hier wurde deutlich, dass die Bildungsförderung der Sinti und Roma in Deutschland, die Bekämpfung von Vorurteilen, die Willkommenskultur, die Unterstützung für Neuzuwanderer und der Zusammenhalt gesamtgesellschaftliche Aufgaben sind, die keine Stadt, kein Bundesland, keine Selbstorganisation oder keine Stiftung allein bewältigen kann. Und dass es eine europäische Aufgabe bleiben muss, auch in den derzeitigen Auswanderungsländern für die Geltung von Menschenrechten und für existenzsichernde Perspektiven für die Minderheit einzutreten.
Einen kurzen Filmbeitrag über den Besuch des Bundespräsidenten finden Sie unter folgendem Link: www.rnf.de/mediathek/video/bundespraesident-joachim-gauck-zu-besuch-in-mannheim/