Migration und Integration neu denken

Rund 100 Wissenschaftler, Vertreter aus Politik und Verwaltung trafen sich am 22. November 2013 im Jüdischen Museum Berlin zur ersten öffentlichen Fachtagung des Rats für Migration. Der Rat für Migration, ein Zusammenschluss aus Migrationsforschern, hat seine Aufgabe in der kritischen Begleitung von Integrations- und Migrationspolitik. Die Freudenberg Stiftung unterstützt den Rat seit seiner Entstehung und findet in ihm einen kompetenten Partner für eigenes Handeln.

Heute, fast zwanzig Jahre nach seiner Gründung, hat der Rat viel erreicht: Fragen von Integration und Migration sind ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Die Rahmenbedingungen, unter denen sich Fragen aber stellen, sind heute andere als noch in den 90er Jahren. Um Politik zukunftsweisend beraten zu können, machte sich der Rat zur Aufgabe während der Tagung Vergangenes zu reflektieren und Perspektiven für die Zukunft der Migrationsforschung zu entwickeln. Zwei zentrale Ergebnisse:

Kopplung von Migration und Integration aufheben

Die Integration von Einwandererkindern – ein Gedankengang, der sowohl in Politik als auch Praxis fest verankert ist. In seinem Ursprung beschreibt der Integrationsbegriff aber nicht mehr als das Zusammenfinden von Einheiten zu einer Gesamtheit. Teilhabe und Chancengerechtigkeit sind für das Konzept zentral. Denn nur wem Teilhabe ermöglicht wird, kann auch Teil des Ganzen werden. Forschung und Politik haben Integration durch eine Verbindung mit Migration verkürzt. Die Forschung habe in den vergangenen Jahren maßgeblich zu dieser Kopplung beigetragen, so die Wissenschaftler. Indem sie etwa Beweise für die erfolgreiche Bildungsintegration von „Mädchen mit Kopftuch“ liefert, reproduziert sie die Kopplung von Migration und Integration kreislaufartig. In einer Gesellschaft aber, in der viele junge Menschen keine eigene Migrationserfahrung mehr haben, muss ein Integrationsverständnis her, das Teilhabe für alle in den Mittelpunkt stellt.

Integration und Anerkennung

In der Wissenschaft zeigt sich ein Paradox: Trotz messbarer „Integrationserfolge“ von Einwanderern, herrsche in der Gesellschaft ein Gefühl von Stagnation vor. Zwar befürworte eine Mehrheit Vielfalt in der Gesellschaft, aber: „bitte ohne Muslime und Armutsmigranten“. Fragen von mangelnder Anerkennung, Rassismus in der Mitte der Gesellschaft und Diskriminierung habe die Wissenschaft zu sehr vernachlässigt. Es gelte, so die Forscher, stärker die Ängste und Vorbehalte der Mehrheit in den Blick zu nehmen.

Auf die oft gestellte Frage, „Integration oder Inklusion?“ ist die Antwort eindeutig: An dem Integrationsbegriff wollen die Forscher festhalten. Es sei nicht schwierig, Begriffe konzeptionell neu zu besetzen. Den „Mensch mit Migrationshintergrund“ habe man auch schnell gelernt.