Gedenken an Aufstand deutscher Sinti und Roma

Vor 75 Jahren – am 16. Mai 1940 – fand die erste Familiendeportation überhaupt in der Zeit des Nationalsozialismus statt. Hunderte Sinti und Roma aus Süddeutschland wurden nach Asperg verschleppt. Nach „rassenkundlichen“ Untersuchungen brachte man sie mit einem Sonderzug nach Polen. Viele überlebten die Lager und Ghettos dort nicht. Mit einer bewegenden Gedenkfeier erinnerte der Verband Deutscher Sinti und Roma im Kulturhaus RomnoKher in Mannheim an dieses und ein zweites Ereignisse mit besonderer Bedeutung für Sinti und Roma in Deutschland.

Die Deportation war „ein Probelauf der Vernichtung“ so Daniel Strauß, Geschäftsführer von RomnoKher, in seiner Rede. Es war eine öffentliche Verschleppung – am helllichten Tag. Kann man ganze Familie deportieren? Ist eine werdende Mutter leichter zu deportieren als eine stillende Mutter? Wie reagiert die Bevölkerung? Was sagen die Nachbarn/-innen, die Lehrer/-innen, was die Polizei und die Geistlichen? Fragen, die sich in den Unterlagen der Nationalsozialisten wiederfinden.

„Der 16. Mai 1940 war der Anfang für das geplante Ende“, erklärt Strauß, das vier Jahre später kommen sollte. Im Mai 1944 war die völlige Vernichtung der Sinti und Roma in Auschwitz-Birkenau geplant. Wiederum am 16. Mai kamen auf LKWs mit Maschinengewehren bewaffnete SS-Männer und umstellten das sogenannte Zigeunerlager. Doch die Gefangenen – rund 6.000 Inhaftierte hatten davon Wind bekommen. Sie bewaffneten sich mit allem was sie hatten: mit Knüppeln, Stöcken, Holzlatten und Werkzeugen. Sie waren nicht bereit, ihr Leben aufzugeben. Denn sie wussten, das wäre das Ende. Der Erfolg: die SS wich unverrichteter Dinge zurück. Die Konsequenz: In den darauffolgenden Wochen selektierte die SS arbeitsfähige und somit wehrfähige Männer und Frauen von den anderen. Etwa 3.000 brachten sie in andere Lager. Die übrigen – die Schwachen, Kranken, Alten – sie alle wurden im August 1944 ermordet.

Noch heute bedeutet der Aufstand für die deutschen Sinti vor allem: Überleben. Der „Geist des Überlebens“ hat sich weitergetragen. Er führte zur Bürgerrechtsbewegung, zur Anerkennung der NS-Verbrechen an den Sinti und Roma als Völkermord 1982 und zuletzt auch zum geregelten Verhältnis des Landes Baden-Württembergs mit der Minderheit durch den Staatsvertrag.

Der Oberbürgermeister der Stadt Mannheim, Dr. Peter Kurz wies darauf hin, dass zum „Nie wieder“ die Bekämpfung aktueller Vorurteile, z.B. gegen die Zuwanderer aus Bulgarien und Rumänien, gehört. Gemeinsam gelte es, gegen Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit vorzugehen, die das Individuum negiert und Gruppen aufgrund von Herkunft, Armut, Geschlecht, religiöser oder sexueller Orientierung ausgrenzt. Schutz, Förderung und Anerkennung der nationalen Minderheit und anderer von Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit betroffener Opfergruppen müssen auch weiterhin als gemeinschaftliche Aufgabe verstanden werden.

Die Freudenberg Stiftung gestaltet daran mit. Daniel Strauß dankte der Stiftung, vertreten durch die Kuratoriumsvorsitzende Dr. Dorothee Freudenberg, für ihre seit rund 20 Jahren währende Unterstützung. Die Freudenberg Stiftung half beim Aufbau des Dokumentationszentrums, bei der Entstehung von RomnoKher und unterstützt auch die Hildegard Lagrenne Stiftung als erste Stiftungsinitiative der Minderheit selbst in Deutschland.

Fotos: Marco Guttenberger