Vorstellung Migrant Integration Policy Index 2015

Wie schneidet die deutsche Integrationspolitik international ab? Zum vierten Mal hat die Brüsseler Migration Policy Group den international vergleichenden Länderindex „Migrant Integration Policy Index“ (MIPEX) veröffentlicht. Partner der Studie war auch der Rat für Migration (RfM).

Die Ergebnisse des MIPEX 2015 zeigen: Deutschland ist im Vergleich zur letzten Untersuchung (2011) in die Top 10 aufgestiegen. Mit insgesamt 61 von 100 möglichen Punkten liegt Deutschland knapp über dem westeuropäischen Durchschnitt. In Sachen Integrationspolitik hat das Land also Fortschritte gemacht. Nach und nach wirken die politischen Maßnahmen der letzten Jahre positiv auf die Förderung von gleichen Rechten. Das Anerkennungsgesetzt von 2012 oder die weitestgehende Anerkennung der doppelten Staatsbürgerschaft 2014 sind Beispiele dafür.

Grundlage für den Vergleich von insgesamt 38 Ländern – darunter alle 28 Mitgliedstaaten der EU sowie Australien, Kanada, Island, Japan, Südkorea, Neuseeland, Norwegen, die Schweiz, die Türkei und die USA – waren die Rechtslage und die Integrationspolitik der Länder. Fachexperten/-innen beurteilten für den Index 167 Politikindikatoren (z.B. Arbeitsmarkt, Bildung und Gesundheit) dahingehend, ob Migranten/-innen und Nicht-Migranten/-innen vollkommen, teilweise oder gar nicht gleich behandelt werden. Zahlreiche Wissenschaftler/-innen vom RfM haben die Analyse des MIPEX 2015 durch ihre Expertise unterstützt.

Je stärker Deutschland sich als Einwanderungsland definiere desto mehr Reformen seien mit Blick auf die analysierten Politikfelder nachweisbar, erklärte der Rat für Migration auf einer Pressekonferenz. Allerdings ist für den RfM auch klar: „Auf diesen Ergebnissen können wir uns nicht ausruhen“, so Prof. Dr. Werner Schiffauer, Vorstandsvorsitzender des RfM. Denn insbesondere im Feld Gesundheit, Bildung und Antidiskriminierung sind die Werte für Deutschland schlecht.

Nachholbedarf im Bereich Bildung

Im Bildungsbereich belegt Deutschland Platz 16. Der Index zeigt, dass in Deutschland weiterhin sowohl zielgruppenspezifische als auch allgemeine politische Maßnahmen dringend notwendig sind, um gleiche Bildungschancen zu schaffen. Die Lücke zwischen Schüler/-innen aus Einwandererfamilien und denen ohne Migrationshintergrund ist immer noch eine der größten verglichen zu anderen Industriestaaten. Im MIPEX-Länderprofil heißt es: Die allgemeine Struktur des Bildungssystems wirkt hemmend auf die Erfolgschancen von Einwandererkindern. Bund und Länder tun sich schwer, Schulen darin zu unterstützen interkulturelle Bildung durchgängig umzusetzen.

Der MIPEX 2015 zeigt auch: Ohne Antidiskriminierung mitzudenken, kann Integration nicht funktionieren. Die deutsche Gleichbehandlungspolitik ist laut Studie eine der schwächsten im internationalen Vergleich. Betroffene erhalten zu den verschiedenen Formen von Diskriminierung fast keine Informationen und finden kaum Möglichkeit, Vorfälle zu melden. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes hat zu wenige Befugnisse, um Betroffene z.B. vor Gericht zu unterstützen.

Aus den Ergebnissen des MIPEX 2015 leitet der Rat für Migration Handlungsempfehlungen ab:

  • Die Chancenungleichheit im Bildungsbereich passt nicht zu zum Bild eines wohlhabenden Landes. Bildung muss dem Prinzip der Gleichwertigkeit folgen. Eine ganzheitliche Integrationspolitik muss auch zentrale Bereiche wie Bildung und Gesundheit diskutieren und steuern.
  • Antidiskriminierungspolitik und Engagement gegen Rassismus müssen konsequent als Arbeitsbereiche der Integrationspolitik verstanden und gefördert werden.
  • Integration findet vor Ort statt: Strukturschwache Kommunen müssen stärker gefördert werden.
  • Der Transfer von Wissen aus Wissenschaft und Zivilgesellschaft ist schleppend. Der Rat für Migration fordert ein Zentrum für Migrationsforschung und –gestaltung, das Wissen bündelt, zuverlässige Daten sichtet und mit der Zivilgesellschaft diskutiert.

Die weiteren Handlungsempfehlungen des RfM finden Sie HIER

Die Ergebnisse des MIPEX mit interaktiven Karten und Grafiken auf einen BLICK

Der Rat für Migration ist ein bundesweiter Zusammenschluss von Wissenschaftler/-innen und verschiedener Disziplinen. Seit seiner Gründung unterstützt die Freudenberg Stiftung den RfM. Er setzt sich mit seinen Publikationen, Auftritten in der Öffentlichkeit und Stellungnahmen in den Medien für eine differenzierte, demokratische und weitsichtige politische Gestaltung von Migration und Integration ein.

Fotos: Maria Stoyanova