16.10.2016

Finissage "Gerücht oder Wahrheit?" im COMMUNITY art CENTER mannheim

“Im Supermarkt kassieren abends nur noch Männer wegen der Flüchtlinge!” oder “Unsere Frauen werden am Neckar-Ufer jetzt immer von Flüchtlingen angemacht!”

Die Schauspielerinnen Bettina Franke und Monika Margret Steger beim Themenabend Gender im CaCm. (Foto: CaCm) Die Schauspielerinnen Bettina Franke und Monika Margret Steger beim Themenabend Gender im CaCm. (Foto: CaCm)

Geschichten und Gerüchte wie diese entstehen schnell und verbreiten sich in Windeseile. Welche Geschichten erzählen sich Bewohner*innen eines Stadtteils? Woher kommen diese Gerüchte und wie können daraus Visionen für eine Zukunft in Vielfalt entstehen? Das COMMUNITYartCENTERmannhein (CaCm) ging diesen Fragen im Frühjahr mit der Aktions-Installation “Gerüchte-Küche” des Künstlerduos ILLIG & ILLIG in drei Mannheimer Stadtteilen nach. Die Ergebnisse der künstlerischen Forschung und die Installation selbst waren drei Wochen lang im Rahmen der Mannheimer Bündnisaktionstage im CaCm zu sehen.

An Themenabenden griff das CaCm die aus der “Gerüchte-Küche” gefilterte Gerüchten immer wieder auf, verarbeitete sie in künstlerischen Performances und diskutierte sie anschließend mit Expert*innen aus Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Medien. Nach Abenden zu Rechtpopulismus und Flucht stand bei der Finissage das Thema Gender im Fokus.

Die gezielte Text-Auswahl von Goethe und Schiller, die die Schauspielerin Bettina Franke eingangs vortrug, machten deutlich: Die Rollenbilder von Frau und Mann sind in unserem historischen Gedächtnis und auch im heutigen Alltag nach wie vor tief verwurzelt. Durch die künstlerische Reflexion biographischer Erfahrungen zeigte die Schauspielerin Monika-Margret Steger in witzig überspitzter Genauigkeit den alltäglichen Zwiespalt: Frauen sind liebevolle und kümmernde Mütter, sie sind ehrenamtlich engagiert, am Gemeinwohl interessiert, gut, aber nicht aufreizend aussehende intelligente und toughe Berufstätige, stehen zusammen – in Konkurrenz. Frauen sind Alles-Könnerinnen, Super-Women, die zwischen den Anforderungen nur scheinbar mühelos wandeln und trotz aller Schwierigkeiten, für die errungenen Freiheiten und die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung weiterhin mit Überzeugung eintreten.

Annette Dorothea Weber im Gespräch mit dem taz Journalisten Jan Feddersen. (Foto: CaCm) Annette Dorothea Weber im Gespräch mit dem taz Journalisten Jan Feddersen. (Foto: CaCm)

Hieran anschließend machte auch Annette Dorothea Weber, Regisseurin und künstlerische Leiterin des CaCm im Fachgespräch mit taz Journalist Jan Feddersen klar: Über Geschlechterkonstruktionen, also Gender zu sprechen bleibt wichtig. Es gehe stets darum Möglichkeiten offen zu halten, so beschrieb es Jan Feddersen. Etwa sprachlich, denn Sprache konstruiere unsere Vorstellung von Geschlecht, aber auch in Fragen von Erziehung und Bildung. Kinder sollten die Möglichkeit haben, vielfältige Formen von Familie angstfrei wahrnehmen zu können.

Doch gerade die “Gerüchte-Küche” hat gezeigt, wie viele Vorurteile im Kontext Gender etwa gegen Geflüchtete bestehen. Das Bild des übergriffigen Fremden sitzt tief und wird für rassistische Argumentationslinien immer wieder instrumentalisiert. Und zugleich setzen sich rassistisch Argumentierende selbst für die Rückkehr eines hierarchischen Rollenverhältnisses zwischen Frau und Mann ein.

Auch wenn gerade rechtspopulistische Parteien ein verengendes Bild von Familie, von Frau und Mann wieder nach vorne bringen wollen, blieb Jan Feddersen optimistisch. Er sprach sich dafür aus, für die über lange Jahre – auch gegen alle großen Religionsgemeinschaften – erkämpften identitätsbezogenen Freiheitsrechte einzutreten. Vergifteten Erzählungen sollten wir mutig und mit Stolz auf unsere demokratischen Errungenschaften begegnen – nach dem Motto: “Auf die Bühne und Brust raus”.

Fotos: CaCm