12.07.2016

Praxis- und Dialogforum: Bildungsrecht für geflüchtete Kinder und Jugendliche

Vertreter*innen aller 17 Pilotprojekte trafen sich im Hermannshof in Weinheim. (Foto: Sabrina Wangenheim) Vertreter*innen aller 17 Pilotprojekte trafen sich im Hermannshof in Weinheim. (Foto: Sabrina Wangenheim)

Zwischen 90.000 und 120.000 Kinder und Jugendliche mit Fluchterfahrung brauchen laut aktuellem Bildungsbericht in 2016 einen Schulplatz. Ob geflüchtete Kinder und Jugendliche tatsächlich zur Schule gehen können oder aber monatelang auf einen Schulplatz warten, hängt stark vom jeweiligen Bundesland ab.

Wie können Kinder und Jugendliche mit Fluchterfahrung schnell in die KiTa oder Schule gehen und dort qualifiziert unterstützt werden? Vor rund einem Jahr starteten die ersten Pilotprojekte im Netzwerk der Freudenberg Stiftung. Mittlerweile fördert und begleitet die Stiftung 17 Projekte, die bundesweit von der KiTa über die Schule bis zum Übergang in den Beruf ansetzen. Vertreter*innen aller Pilotprojekte kamen zum zweiten Praxis- und Dialogforum nach Weinheim.

In den letzten 12 Monaten reagierten die Pilotprojekte reflektiert improvisierend auf den Zuzug von jungen Geflüchteten, die allein oder mit ihren Familien nach Deutschland kamen. Aufbauend auf die Bedarfe vor Ort entwickelten unserer Partner*innen gemeinsam mit KiTas, Schulen, Ausbildungsbetrieben und Universitäten zum Beispiel Sprachlernmaterial, Qualifizierungsangebote und Patenschaftsmodelle. Wo stehen wir heute? Was können wir voneinander lernen? Welche Situation ist spezifisch für den jeweiligen Projektort? Der interne Austausch sowie Fachinputs standen am ersten Tag des Praxis- und Dialogforums im Mittelpunkt.

Der interne Austausch zu mitgebrachten Themen stand im Mittelpunkt des ersten Tages. (Foto: Sabrina Wangenheim) Der interne Austausch zu mitgebrachten Themen stand im Mittelpunkt des ersten Tages. (Foto: Sabrina Wangenheim)

Was heißt Fluchterfahrung? Welche Bedeutung hat Sprache?

Wenn Kinder und Jugendliche allein oder mit ihren Eltern aus Kriegs- und Krisenregionen flüchten, machen sie im Herkunftsland und auf der Flucht oft traumatische Erfahrungen. Die Flucht kann mehrere Monate oder sogar Jahre dauern. Auf den Zwischenstationen lernen sie häufig neue Sprachen, manchmal gehen sie auch zur Schule. Dr. Hartmut Quehl vom Felsberger Institut schilderte basierend auf eigenen Forschungsreisen in seinem Fachinput die Situation in Eritrea und Syrien. Er ging u.a. den Fragen nach, welche Lernhemmnisse und -voraussetzungen geflüchtete Kinder und Jugendliche aufgrund ihrer Fluchterfahrung mitbringen und wie Lehrer*innen unterstützen können, damit sie in Schule ankommen und gut lernen können.

Hanne Brandt von der Universität Hamburg erläuterte in ihrem Fachinput zur Durchgängigen Sprachbildung in der Schule den Zusammenhang zwischen der Sprache der Schule – der Bildungssprache Deutsch – und dem Bildungserfolg. Sie betrachtete auch das Verhältnis zwischen der Alltagssprache, die junge Geflüchtete in der Regel relativ schnell erlernen, und der Bildungssprache Deutsch, deren Erlernen sich über die gesamte Bildungsbiographie hinweg vollzieht. Sie beleuchtete die Herausforderungen, vor denen insbesondere mehrsprachige Schüler*innen im Hinblick auf die Bildungssprache Deutsch stehen, und wie Lehrkräfte dazu beitragen können, dass Kinder und Jugendliche diese Herausforderungen meistern können.

Voneinander lernen und Verbindungen knüpfen

Neben dem internen Austausch zwischen den Pilotprojekten widmete sich das Praxis- und Dialogforum am zweiten Tag verstärkt der Vernetzung. Ausgewählte Partnerorganisationen aus dem Stiftungsnetzwerk stellten ihre Arbeit im Kontext Flucht und Asyl vor: Franziska Nagy gab Einblick in die Lehr- und Lernform Lernen durch Engagement–Service Learning, die Lerninhalte in der Schule mit gesellschaftlichem Engagement verbindet. LdE Projekte können Schüler*innen mit und ohne eigene Migrationserfahrung verschiedene Zugänge zu Flucht und Willkommenskultur eröffnen. Ein Netzwerk von inzwischen über 150 Schulen und Kompetenzzentren setzt sich dafür ein, dass die Methode an Schulen verankert wird. Seit letztem Jahr gibt es im Netzwerk eine Arbeitsgruppe Lernen durch Engagement im Kontext Flucht und Willkommenskultur.

Austausch und Vernetzung mit weiteren Partner*innen aus dem Stiftungsnetzwerk. (Foto: Sabrina Wangenheim) Austausch und Vernetzung mit weiteren Partner*innen aus dem Stiftungsnetzwerk. (Foto: Sabrina Wangenheim)

Hasskommentare im Internet: Nicht selten werden Menschen, die Geflüchtete unterstützen off- und online angefeindet. Johannes Baldauf von der Amadeu Antonio Stiftung stellte einige Beobachtungen des Projekts no-nazi.net vor und gab den Praktikern*innen Tipps, wie sie sich in sozialen Netzwerken schützen können.

Annette Dorothea Weber, Theaterregisseurin und künstlerische Leiterin im COMMUNITYartCENTERmannheim (CaCm) stellte das Theaterinstallationsprojekt “Was machen wir mit unserem TraumA?” vor. Es erzählt die wahre Geschichte von Ena, die als kleines Mädchen während des Bosnienkrieges nach Deutschland flüchtete. Ihre Geschichte steht stellvertretend für zahlreiche Fluchterfahrungen – damals und heute. Annette Dorothea Weber hat das Stück für Schulklassen konzipiert. Im Dialogforum schilderte sie die Erfahrungen des CaCm mit dem Stück als Form künstlerischer Intervention im Klassenraum: Die persönlich erzählte Geschichte berührt, gibt Schüler*innen mit und ohne Fluchterfahrung Anlass, sich zu öffnen und Lehrer*innen die Möglichkeit, ihre Schüler*innen besser kennenzulernen.

Flucht und Asyl sind Dauerthemen in den Medien. Der Mediendienst Integration stellt Medienschaffenden wissenschaftliche Daten und Fakten im Internet leicht zugänglich zur Verfügung. Fabio Ghelli zeigte, wie der Mediendienst arbeitet und präsentierte eine Eigenrecherche zur Frage: Was wissen wir über junge Geflüchtete wirklich?

Gesamte Lebenszusammenhänge im Blick

Es hat sich gezeigt: Durch die Einbindung in langfristige Strukturen wie das Schlüsselprogramm der Freudenberg Stiftung Ein Quadratkilometer Bildung, die Weinheimer Bildungskette oder die RAA gelingt es mit den Pilotprojekten, Kinder und Jugendliche umfassend in ihrer gesamten Lebenslage zu stabilisieren. Wichtig war in den letzten Monaten auch, auf sich verändernde Rahmenbedingungen und Bedarfe durch die Mittel der Freudenberg Stiftung flexibel reagieren zu können.

Anfang 2015 rief die Freudenberg Stiftung gemeinsam mit dem Kinderrechtsexperten Professor Lothar Krappmann die INITIATIVE Bildungsrecht für Kinder und Jugendliche mit Fluchterfahrung: JETZT! ins Leben. Mit Organisationen, wie dem Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (BumF), der Weinheimer Initiative, der National Coalition und der Amadeu Antonio Stiftung setzen wir uns dafür ein, dass Kinder und Jugendliche mit und ohne Fluchterfahrung gut miteinander und voneinander lernen können. Entscheidend dafür ist auch, dass sie in einer Umgebung aufwachsen, in der alle ohne Angst verschieden sein können.

Fotos: Sabrina Wangenheim