02.11.2016

PreView Studie: Diskriminierungen zum Trotz - Sintizza und Romnja gelingt der Bildungssaufstieg!

Frauen aus Sinti- oder Roma-Familien sind außerhalb ihrer Familien oft Vorurteilen ausgesetzt. Ihnen wird z.B. zugeschrieben, überdurchschnittlich viele Kinder zu haben und verhältnismäßig früh verheiratet zu werden. Dies soll einem erfolgreichen Bildungsweg von Sintizza und Romnja im Wege stehen. Wissenschaftliche Untersuchungen zu den Bildungswegen von Frauen aus Sinti- oder Roma-Familien gab es bisher jedoch nicht.

Erstmals haben nun die beiden Forscherinnen Dr. Jane Schuch und Dr. Elizabeta Jonuz im Auftrag der Freudenberg Stiftung und der Hildegard Lagrenne Stiftung 17 Frauen aus Sinti oder Roma-Familien zu ihren Bildungswegen biografisch befragt. Darunter sind:

  • Sintizza der zweiten und dritten Nachkriegsgeneration,
  • Romnja, die im Kindesalter 1990 aus dem ehemaligen Jugoslawien sowie Kosovo nach Deutschland geflüchtet waren und
  • Romnja, deren Großeltern als Arbeitskräfte aus dem ehemaligen Jugoslawien angeworben wurden.

Die Frauen, die an der Studie mitwirkten, sind fast alle Bildungsaufsteigerinnen in ihren Herkunftsfamilien. Sie kommen aus ganz unterschiedlichen Berufsfeldern: Sie sind Friseurin, Kinderpflegerin, Philologin, Musikerin, Schauspielerin, Rechtsanwältin, Sozialarbeiterin, Speditionskauffrau, Studentinnen.

Ein Teil der Frauen kommt aus Familien, in denen Eltern und Großeltern keine Schulbildung haben. Die meisten Frauen haben keine Kinder. Nur eine Frau ist Mutter von drei Kindern, die anderen Mütter haben ein bis zwei Kinder. Einige darunter sind alleinerziehend. Viele leben in binationalen Partnerschaften, eine lebt in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft.

Schule als Ort der Diskriminierung

Alle Bildungsbiographien eint, dass ihre Protagonistinnen enorm widerständig handeln mussten, um zu ihren jetzigen gesellschaftlichen Positionen zu gelangen. Sie mussten den Diskriminierungserfahrungen in der Schule widerstehen und die Kraft finden, nicht daran zu zerbrechen. So zum Beispiel Frau S., Master of Education : “Es gab immer eine Kraft in mir nie aufzugeben, wenn man hinfällt, steht man wieder auf und macht weiter.”

Zugewanderte Romnja gingen ihre Bildungswege, obwohl ihr Aufenthaltsstatus ein machtvoller Hinderungsgrund war. So erzählt eine Romni mit Fluchthintergrund: “Also mehr als 20 Jahre illegal, ja, also das war ein Kampf. ein Kampf in Deutschland zu bleiben, ein Kampf für ein besseres Leben, ein Kampf nicht zu hungern.” (Frau I., Altenpflegerin).
Sie erleben immer noch, dass ihnen oftmals die berufliche Kompetenz abgesprochen wird, nur, weil sie Frau, Romni, Sintizza sind. Die Forscherinnen beobachten einen nahezu unauflösbaren Wiederspruch: Einerseits verbinden die befragten Frauen den Ort Schule mit der positiven Möglichkeit zu lernen und für sich eine Zukunft zu entwickeln. Andererseits sehen sie sich außerhalb der Familie und der Community einer feindlichen Welt gegenüber. Die meisten Frauen berichten, dass sie erstmals, als sie aus dem geschützten Bereich der Familie hinaustraten, Diskriminierungserfahrungen machten.

Die eigene oder berichtete Erfahrung ist bei allen Befragten verbunden mit der Angst, wegen ihrer Herkunft diskriminiert zu werden. Die Diskriminierungserfahrungen reichen von rassistischen Beleidigungen bis hin zu Ungleichbehandlungen im beruflichen Umfeld. Bei Letzterem wirken oftmals als Ursache der Ungleichbehandlung Herkunft und Geschlecht verstärkend zusammen.

Die Entscheidung für Bildung erforderte von den Frauen eine Ablösung von den eigenen Ursprüngen. Es ist daher auch wenig überraschend, dass die Mehrzahl der interviewten Frauen Positionen in Sinti- und Roma-Organisationen ausüben und/oder sich thematisch mit den eigenen familiären Traditionen beschäftigen.

Familie und Community bieten Schutz, Halt und Perspektive

Die Sinti- und Roma-Community spielt für fast alle Frauen eine bedeutsame Rolle. Sie erweitern ihr Berufsspektrum sowie ihren Wirkungskreis erheblich und sehen sich in ihren Arbeitszusammenhängen und Tätigkeitsbereichen als Unterstützerinnen und Förderinnen der Community. In diesem Zusammenhang lässt sich bei der Mehrheit der Frauen eine Politisierung der Biographie, die gekennzeichnet ist durch aktives Eintreten für die Rechte und Interessen der unterdrückten Minderheit, feststellen. Die Schauspielerin H. dazu: “Wenn ich für Menschenrechte für Sinti und Roma kämpfe, dann sind das meine Rechte.”

Bei den interviewten Sintizza, die Familien angehören, die seit Jahrhunderten in Deutschland leben, wird die Genoziderfahrung der Großeltern- und Urgroßelterngeneration als eigenes Trauma bearbeitet. Bei den Romnja konnte festgestellt werden, dass sie über die familiäre Generationsabfolge das Wissen und die Erfahrung über die weltweite und jahrhundertealte Diskriminierung von Roma weitergetragen wurde.

Für die meisten Frauen war und ist der Rückhalt in der eigenen Familie eine wesentliche Kraftquelle, sei es durch die Großeltern oder Eltern oder eine Tante, die die betreffende Frau immer wieder unterstützt hat. Aber auch Mentorinnen in Kita, Schule und Nachbarschaft haben bei einzelnen Frauen eine bestärkende Rolle auf dem eigenen Weg durch die Bildungsinstitutionen gespielt.

Die von der Freudenberg Stiftung in Zusammenarbeit mit der Hildegard Lagrenne Stiftung in Auftrag gegebene Untersuchung ist die erste empirische Studie, die Gelingensbedingungen und Stolpersteine der Bildungswege von Sintizza und Romnja in Deutschland untersucht. Die Studie auf Basis der biografisch-narrativen Interviews erscheint Anfang 2017.

MDI-Interview mit Dr. Jane Schuch: “Starke Vorbilder sind sehr wichtig” HIER

Artikel in der taz: “Es bleibt ein steter Kampf gegen Vorurteile” HIER

Artikel im Tagesspiegel: “Schule ist für Sinti und Roma kein sicherer Ort” HIER