21.09.2017

Fachtag 20+: Bildungs- und Berufswege für junge volljährige Geflüchtete ausloten

Die politische Großwetterlage in Deutschland sieht gegenwärtig nicht gut aus für Geflüchtete. Integration wird allerseits gefordert, aber eine restriktive Gesetzeslage und widersprüchliche politische Praxis verhindern sie mehr anstatt sie zu fördern: Seit Verabschiedung der Asylpakete I und II wurde der Familiennachzug von Geflüchteten stark eingeschränkt, Länderquoten für Abschiebungen führen dazu, dass es diejenigen „trifft“, die nach landläufigem Verständnis am besten integriert sind und nicht daran denken „unterzutauchen“, Anerkennungsverfahren ausländischer Bildungs- und Berufsabschlüsse werden bewusst in die Länge gezogen. Besonders schwierig ist die Situation junger Geflüchteter, deren Anspruch auf einen Großteil finanzieller und psycho-sozialer Unterstützungsangebote mit Erreichen der Volljährigkeit erlischt – nicht aber ihr Bedarf danach. Umso mehr gilt es für Gemeinden und zivile Akteur*innen, den Handlungsspielraum innerhalb dieses restriktiven Rahmens mit Engagement und Kreativität auszuschöpfen.

Jürgen Ripplinger, Koordinierungsbüro Übergang Schule-Beruf der Stadt Weinheim und Geschäftsführer von Job Central, führte durch den Fachtag. (Foto: Freudenberg Stiftung) Jürgen Ripplinger, Koordinierungsbüro Übergang Schule-Beruf der Stadt Weinheim und Geschäftsführer von Job Central, führte durch den Fachtag. (Foto: Freudenberg Stiftung)

Neue Impulse für die Integrationsarbeit in Weinheim

Neue Ideen und Impulse hierfür für die Stadt Weinheim und den Rhein-Neckar-Kreis im Austausch mit Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Kommunen auszuloten, war Ziel und Zweck des Fachtags „Bildungs- und Berufswege für junge volljährige Geflüchtete“ als eine gemeinsame Veranstaltung der Freudenberg Stiftung mit der Stadt Weinheim, dem Rhein-Neckar-Kreis und der Arbeitsgemeinschaft Weinheimer Initiative. Ausgehend von einem „Faktencheck“ zur Anzahl, Alters- und Geschlechterverteilung und zum Bildungsstand junger Geflüchteter in der Region wurde der Blick auf innovative Projekte aus In- und Ausland gelenkt und wechselseitige Transfermöglichkeiten diskutiert.
Weinheim ist durchaus ein progressives Beispiel für die Aufnahme von geflüchteten Menschen, die früh als Querschnittsaufgabe wahrgenommen wurde: Seit 2015 werden ehrenamtliche Initiativen sukzessive in die kommunale Gemeindestruktur eingebunden oder durch Partner*innen verstetigt, neue Stellen für Integrations- und Sozialarbeit geschaffen, dezentrale Unterbringung vorangetrieben. Das Weinheimer Projekt KochKultur zum Beispiel ist mittlerweile zu einer gemeinnützigen GmbH herangewachsen, das Gemeinschaftsprojekt Lern-Praxis-Werkstatt der Freudenberg Stiftung, Freudenberg Service KG und der regionalen Jugendagentur Job Central steht als Brücke zwischen ehrenamtlichen und formellen (Weiter-)Bildungsangeboten in den Startlöchern. Vorhandene Problemlagen und Lücken zeugen dennoch von der Wichtigkeit, die Integrationslandschaft weiterzudenken und weiterzuentwickeln. So sind in Weinheim zum Beispiel bislang keine Migrant*innenselbstorganisationen angesiedelt und zivilgesellschaftliche Akteur*innen suchen Anregungen für den Umgang mit sprachlichen oder kulturellen Barrieren, dem Schwund von Ehrenamtlichen oder einer mangelnden Annahme von Angeboten durch die Geflüchteten, um ihrem Anspruch der individuellen Bildungs- und Berufswegeplanung möglichst nahe zu kommen.

Das MUT-Projekt von Damigra e. V. fördert bundesweit Empowerment für und mit geflüchteten Frauen, Frauen mit Migrationserfahrung und einheimischen Frauen.(Foto: Freudenberg Stiftung) Das MUT-Projekt von Damigra e. V. fördert bundesweit Empowerment für und mit geflüchteten Frauen, Frauen mit Migrationserfahrung und einheimischen Frauen.(Foto: Freudenberg Stiftung)

Ein neuer Blick auf die Arbeit mit geflüchteten Menschen

Vor allem die Beiträge von Vertreter*innen migrantischer (Selbst-)Organisationen – zum Beispiel vmdo Dortmund, moveGlobal Berlin, Afrika Haus Saarbrücken, Damigra e. V. – führten vor Augen, wie wichtig es ist, Arbeit für Geflüchtete viel stärker als bisher als Arbeit mit Geflüchteten zu verstehen und Geflüchtete und Menschen mit Migrationserfahrung selbst als neue Akteur*innen – und oftmals bessere Expert*innen – in diesem Feld wahrzunehmen. In der konventionellen, von Machtungleichheit gezeichneten Beziehung zwischen alteingesessenen „Helfern“ und bedürftigen „Flüchtlingen“ kann es leicht zu Missverständnissen kommen. Menschen, die selbst auf eine Migrationsgeschichte zurückblicken, können hier eine vermittelnde Position einnehmen. Wird zum Beispiel das gut gemeinte Theater-Projekt nicht angenommen, dürfe dies nicht als „Undankbarkeit“ oder fehlende „Integrationsbereitschaft“ ausgelegt werden, erklärt Lamine Conté vom Afrika Haus Saarbrücken, sondern kann schlicht daher rühren, dass der oder die Betreffende, von existentiellen Sorgen geplagt, nicht „den Kopf frei“ hat für dergleichen Angebote. Gerade Missverständnisse jedoch verfügen über ein großes Potenzial, der Mehrheitsgesellschaft selbst den Spiegel vorzuhalten und zur Selbstreflexion anzuregen. Sie können vergegenwärtigen, dass „nichts selbstverständlich“ ist und dazu anregen, herkömmliche Konventionen und Strukturen als begründungspflichtig zu betrachten, zu öffnen und weiterzuentwickeln, so Dr. Wilfried Kruse, Koordinator der Weinheimer Initiative, in seinem Kommentar als „kritischer Freund“. Dass Geflüchtete und Alteingesessene „voneinander lernen“ sollen, mag wie eine abgedroschene Phrase klingen, kann aber gesellschaftliche Innovation erzeugen, wenn dieser Leitgedanke Einzug in eingefahrene strukturelle Gefüge findet und zu Neuerungen wie einer Flexibilisierung des Arbeitsmarktes führt, von denen letztlich nicht nur Geflüchtete, sondern alle profitieren.

Das Wohnprojekt Startblok Riekerhaven Amsterdam bringt geflüchtete und einheimische Student*innen zusammen. (Foto: Freudenberg Stiftung) Das Wohnprojekt Startblok Riekerhaven Amsterdam bringt geflüchtete und einheimische Student*innen zusammen. (Foto: Freudenberg Stiftung)

Geflüchtete Menschen differenziert betrachten, Gemeinsamkeiten statt Unterschiede suchen

Das Bewusstsein, dass die geflüchteten Menschen aufgrund ihrer unterschiedlichen Sozialisationsgeschichte und Migrationserfahrung oft „nicht so sind wie wir“ darf jedoch nicht die Suche nach Gemeinsamkeiten und common grounds konterkarieren, die so wichtig für ein Zusammenleben in einer pluralen Gesellschaft sind. Geflüchtete müssen als gleichwertige und vielschichtige Individuen wahrgenommen werden, zum Beispiel als Kolleg*innen wie im beruflichen Netzwerkprojekt von SINGA e. V.. Aber eine Festschreibung auf die Rolle als „Geflüchtete“ vollzieht sich oft versteckt und subtil: Jede Initiative, die Geflüchtete zur Zielgruppe hat, rückt unweigerlich dieses biografische Merkmal in den Fokus und die Erhebung von länderspezifischen demografischen Daten haben für bestimmte Zwecke sicher ihre Notwendigkeit, befördern aber eine homogene Sichtweise auf bestimmte “Gruppen”.

Wohnen als Schnittstelle physischer und sozialer Bedürfnisse

Eine geeignete Unterkunft ist eines der essentiellsten Bedürfnisse, um im Wortsinn „heimisch“ zu werden und hat nicht zu unterschätzende Auswirkungen auf das persönliche Wohlbefinden. Wohnraum ist Schnittstelle physischer und sozialer Bedürfnisse und zugleich die Weichenstellung für eine bestimmte institutionelle und infrastrukturelle Anbindung. Damit stellt Wohnraum ein Ankerpunkt für die soziale Integration aller Geflüchteten dar – auch derjenigen, die aus den unterschiedlichsten Gründen auf dem Arbeits- und (Aus-)bildungsmarkt nicht Fuß fassen können.
Vor diesem Hintergrund galt ein Fokus innovativen Wohnprojekten, die von Geflüchteten in Zusammenarbeit mit lokalen Akteur*innen selbstverwaltet werden. In Turin wurde mit „La Salette“ eine Hausbesetzungsaktion durch obdachlose Geflüchtete in ein konstruktives Gemeinschaftswohnprojekt verwandelt, das ein temporäres Zuhause bietet und eigenständig, demokratisch und ökologisch nachhaltig von den Geflüchteten selbst unterhalten wird. Das Projekt Startblok Riekerhaven Amsterdam bringt geflüchtete und bereits länger ansässige Student*innen zusammen und macht sie zu unmittelbaren Nachbar*innen in einem außergewöhnlichen Wohnheim – aber erst, nachdem in einem vorgeschalteten Auswahlprozess diejenigen Bewerber*innen ausgesucht wurden, die sich mit der Selbstverpflichtung eines Commitments für die Gemeinschaft identifizieren können. Beide Projekte ermöglichen Geflüchteten also nicht nur eine würdige Unterkunft mit sozialer Anbindung, sondern stärken darüber hinaus das zivile Bewusstsein aller Beteiligten und ihr Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit.

Was heißt das für uns? In der Schlussrunde unter Moderation von Angelika Münz geht es um die Übertragbarkeit der neuen Ideen auf den Weinheimer Kontext. (Foto: Freudenberg Stiftung) Was heißt das für uns? In der Schlussrunde unter Moderation von Angelika Münz geht es um die Übertragbarkeit der neuen Ideen auf den Weinheimer Kontext. (Foto: Freudenberg Stiftung)

Das Thema Rückkehr nicht tabuisieren

In kommender Zeit wird eine wachsende Anzahl an Asylentscheiden getroffen werden, von denen – mit Blick auf den gegenwärtigen politischen Trend – ein nicht geringer Teil negativ ausfallen wird. Auch wenn die Zivilgesellschaft angesichts dessen umso mehr in der Pflicht steht, sich dafür einzusetzen, dass vor allem gut integrierten Asylbewerber*innen ein „Spurwechsel“ in einen legalen dauerhaften Aufenthalt offen steht, darf sie auch dem Thema der freiwilligen oder erzwungenen Rückkehr nicht die Augen verschließen und muss Wege ausloten, wie sie eine „Rückkehr mit Würde und Perspektive“ unterstützen kann. Derzeit werden die staatlichen Programme zur freiwilligen Rückkehr ausgeweitet, jedoch sind die finanziellen Anreize zu gering, als dass sie vor dem Hintergrund der mit der Migration verbundenen sozialen Erwartungen und finanziellen Investitionen eine reale Perspektive bieten könnten. Hinzu kommt, dass eine Rückkehrentscheidung vor dem tatsächlichen Ablehnungsbescheid erfolgen muss – eine Auflage, die angesichts der Handlungslogik der Betroffenen nur ins Leere laufen kann.
Mit einem bunten Strauß an anregenden Ideen und geteilten Erfahrungen sind nun die Akteur*innen in Weinheim und andernorts gefragt, realistische neue Wege einer gelingenden Integrationsarbeit zu sondieren, aber – mit den Worten von Startblok Riekerhaven Amsterdam – auch zu „wagen, idealistisch zu denken“. Dazu gehört, dass Kommunen ihre strukturellen Innovationen auf nationaler Ebene einbringen und international weiterdenken, um das einst von Coca-Cola kreierte Motto „Global denken, lokal handeln“ nicht allein Wirtschaftskonzernen zu überlassen.

Die Dokumentation der Tagung können Sie hier einsehen.