16.02.2017

Jahresforum Extra: Berufsperspektiven junger Armer

Karlsruher Bürgemeister Martin Lenz setzt sich gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft Weinheimer Initiative für Armutsbekämpfung ein. (Foto: Marcello Kutzner) Karlsruher Bürgemeister Martin Lenz setzt sich gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft Weinheimer Initiative für Armutsbekämpfung ein. (Foto: Marcello Kutzner)

Die deutsche Wirtschaft boomt. Unternehmen suchen händeringend Auszubildende, die die Fachkräfte von morgen werden. Doch dieses vordergründig positive Bild trügt. Denn 2016 waren laut aktuellem Monitor Jugendarmut rund 236.000 junge Menschen arbeitslos. 80 Prozent davon bezogen Transferleistungen. Ausbildung und Arbeit allein schützen heute nicht mehr vor Armut: 60 Prozent der Arbeitnehmer*innen unter 30 Jahren befinden sich in befristeten Beschäftigungsverhältnissen. Die Arbeitsverhältnisse werden prekärer, geringere Lohneinkünfte aber erhöhen das Armutsrisiko. Zugleich bleiben zunehmend Jugendliche ohne Ausbildung oder brechen ihre Ausbildung wieder ab, weil sie in armen Verhältnissen leben.

Für junge arme Menschen stellt der Eintritt in das Erwerbsleben eine besondere Hürde dar. Die Arbeitsgemeinschaft Weinheimer Initiative hat sich auf einem Jahresforum Extra “Berufliche Perspektiven junger Armer” in Karlsruhe damit befasst, welche Aufgaben und Herausforderungen auf kommunale Koordinierung zukommen, um diesen jungen Menschen (berufliche) Teilhabe zu ermöglichen.

Leben in Armut

Wer ist heute arm? Der aktuelle Armutsbericht orientiert sich an einem relativen Armutsbegriff der EU. Demnach sind diejenigen arm, die über so geringe Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Mitgliedstaat, in dem sie leben, als Minimum annehmbar ist. Dies sei in aller Regel der Fall, wenn man über weniger als die Hälfte bzw. 40 oder 60 Prozent des mittleren Einkommens einer Gesellschaft verfügt.

Armut im Alter und Kinderarmut sind in der öffentlichen Debatte seit längerem präsent. Jugendarmut hingegen bleibt statistisch nahezu unsichtbar: Laut Monitor Jugendarmut waren im Jahr 2016 rund 2,5 Mio. Menschen zwischen 0 und 18 Jahren und über 1,5 Mio. Menschen zwischen 18 und 25 Jahren armutsgefährdet. Es fehlt bis heute ein differenzierter Blick auf junge Menschen, die in Armut leben bzw. armutsgefährdet sind und sich am Übergang zur Arbeitswelt befinden.

Armut konzentriert sich auf bestimmte Regionen

In Armut zu leben, bedeutet für junge Menschen nicht nur wenig Geld zu haben. Oft wachsen sie in stark belasteten Familien auf. Zudem konzentriert sich Armut auf bestimmte Regionen und Stadtviertel. Besonders betroffen sind Jugendliche in Bremen, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Berlin. Auch in Nordrhein-Westfalen ist ein ausgeweiteter Armutstrend zu erkennen. In sogenannten segregierten Stadtteilen leben sie isoliert. Ihnen fehlen häufig Netzwerke außerhalb ihrer Wohngegend, die ihnen den Weg in Beruf und Eigenständigkeit erleichtern könnten.

Sprecher der Arbeitsgemeinschaft, Weinheimer OB Bernhard, begrüßt die Gäste. (Foto: Marcello Kutzner) Sprecher der Arbeitsgemeinschaft, Weinheimer OB Bernhard, begrüßt die Gäste. (Foto: Marcello Kutzner)

Junge Menschen, die in Armut aufwachsen, machen immer wieder Erfahrungen sozialer Ausgrenzung und Stigmatisierung. Bei Misserfolgen oder Rückschlägen sind sie besonders verletzlich, was Stärke, Durchhaltefähigkeit und Motivation betrifft.

Kommunale Koordinierung und (Aus-)Bildung

Nach wie vor ist Bildung der Schlüssel zu einem selbständigen und unabhängigen Leben. Schulen und Betriebe stehen vor der Herausforderung mit einer zunehmenden Vielfalt ihrer Schüler*innen und Auszubildenden umgehen zu müssen. Die Arbeitsgemeinschaft Weinheimer Initiative will mit ihrem Ansatz der Kommunalen Koordinierung dazu beitragen, tragfähige Perspektiven für alle zu befördern, damit kein junger Mensch verloren geht. Die Praxis zeigt: Angebote müssen zeitnah, individuell und flexibel sein und sich an der Lebenswelt der jungen Menschen orientieren. Zahlen, Fakten und Praxisbeispiele zum Thema finden Sie in Kürze HIER.

Die Arbeitsgemeinschaft Weinheimer Initiative vertritt Städte, Gemeinden und Landkreise, die die Koordinierung des Übergangs Jugendlicher von der Schule ins Berufsleben in ihrer Verantwortung sehen. Mit dem Ansatz der Kommunalen Koordinierung hat die Arbeitsgemeinschaft weit über den Kreis der mitarbeitenden Städte und Landkreise hinaus die öffentliche Debatte um gutes Ankommen in der Arbeitswelt mitgeprägt. Die Freudenberg Stiftung ist Mitinitiatorin und Gründungsmitglied der Weinheimer Initiative.

Positionierung der Weinheimer Initiative

Fotos: Marcello Kutzner