09.11.2017

Querschnittsperspektiven auf Gender und Migration: Jahrestagung des Rats für Migration

Unter dem Hashtag #metoo ist in den vergangenen Wochen eine weltweite Debatte über sexuellen Missbrauch von Frauen entbrannt, ausgelöst durch den Skandal um den Hollywood-Filmproduzenten Harvey Weinstein. Was in diesen aktuellen Diskussionen seltsam unerwähnt bleibt, sind die Geschehnisse von Silvester 2015/16 in Köln. Obwohl als diskursive Figur medial und politisch nach wie vor äußerst präsent, wurde in den Talkshows und sozialen Medien keinerlei Bezug zwischen diesen Ereignissen hergestellt.
Unter anderem anhand dieses Beispiels machte Prof. Helma Lutz in ihrer Keynote Speech der Jahrestagung des Rats für Migration (RfM) „Gender und Migration als Bildungsfaktoren. Intersektionale Zugänge im gesellschaftlichen Wandel“ in Berlin deutlich, wie stark und selbstverständlich ethnisierte Geschlechternarrative in der Gesellschaft verankert sind. Die Übergriffe von Köln werden nicht als Ausdruck von sexueller Gewalt als gesamtgesellschaftliches Problem betrachtet, sondern mit einer essentialisierten Triebhaftigkeit des muslimisch-afrikanischen Mannes begründet und von sexuellem Missbrauch durch westliche, weiße Männer in Führungspositionen fundamental unterschieden.

Prof. Helma Lutz hielt die Keynote Speech zur Tagung. (Foto: Freudenberg Stiftung) Prof. Helma Lutz hielt die Keynote Speech zur Tagung. (Foto: Freudenberg Stiftung)

Die gesellschaftliche Funktion des „Anderen“

Solche vielfältigen Formen von Rassismus – oftmals im neuen Gewand über die Differenzmarker Religion und „Kultur“ – waren zentrale Themen der Tagung. Die „lustvolle Zuschreibung von Andersartigkeit“, das Othering, zieht sich durch alle Milieus und Institutionen und werden gerade auch in Klassen- und Lehrerzimmern reproduziert. Die gesellschaftliche Funktion von rassistischen Zuschreibungen lässt sich sozialwissenschaftlich analysieren: sie dienen der Selbstvergewisserung und der Auslagerung von komplexen Problemzusammenhängen. Diese Bestätigungsregime werden zu Wahrheitsregimen und greifen so ganz fundamental in Subjektivierungsprozesse ein. Fest in die Gesellschaft eingeschrieben, sind sie dann nur schwer aufzubrechen: Studien zu beruflich und akademisch erfolgreichen muslimischen Frauen zum Beispiel werden medial als deren Anpassung an westliche Geschlechtervorstellungen gefeiert und sorgen nicht etwa zu einer Dekonstruktion des etablierten klischeebasierten Bildes der „unterdrückten muslimischen Frau“.

Wissenschaftlerinnen aus der Türkei und aus Ungarn berichteten über die Repressalien ihrer Regime. (Foto: Freudenberg Stiftung) Wissenschaftlerinnen aus der Türkei und aus Ungarn berichteten über die Repressalien ihrer Regime. (Foto: Freudenberg Stiftung)

Ausschluss durch normative Setzungen

Überall im gesellschaftlichen Alltag wird hegemoniale Normativität produziert – auch in der Wissenschaft selbst, wo „Gender“ oder „Migration“ oft als fixe Faktoren gedacht werden. Diese normativen Leitbilder schaffen dann vielfältige Ausschlussmechnismen – und die Ausgeschlossenen machen sich auf die Suche nach anderen, eventuell dekonstruktiven, Zugehörigkeiten und Ideologien. Daher war es Anliegen der Tagung, den Blick für die vielfältigen Verschränkungen, die Praxis, das Prozesshafte von Kategorien wie Gender, Migration, Religion und Bildung zu schärfen und Diskursirritierungen durch die Umdeutung von Begriffen zu erzeugen. Ein neuer Begriff von Bildung, so ein Vorschlag von Prof. Mecheril, könne etwa sein, „der eigenen Identität nicht so sehr verhaftet“ und somit bereit zur permanenten Reflexion und Identitätskritik zu sein – nicht gleichbedeutend jedoch damit, keine Identität zu haben.

Academics at risk in antidemokratischen Regimen

In einem weiteren Schwerpunktthema wandte sich die Tagung academics at risk zu, der prekären Situation von Wissenschaftler*innen in der Diaspora, die nicht den an sie herangetragenen Erwartungen des oder der unqualifizierten und genügsamen Migranten*in entsprechen wollen. Der berührend-eindringliche Dokumentarfilm „Aber kämpfen musst du schon…“ (Leiprecht/Willems 2017) führte die Abwertung vor Augen, die ausländische Akademiker*innen in Deutschland erfahren, wenn ihre Diplome plötzlich wertlos werden und sie von der Arbeitsagentur Berufsempfehlungen erhalten, die an der Supermarktkasse enden. Umso wichtiger sind universitäre Bildungsangebote wie sie z. B. die Universität Oldenburg entwickelt hat, um Geflüchteten und Migrierten den Zugang zur Universität zu erleichtern und sie in ihrem akademischen Selbstverständnis zu stärken.
Merklich nahe ging dem überwiegend akademischen Publikum insbesondere die Schilderungen der eingeladenen Wissenschaftlerinnen aus Ungarn und der Türkei, die aufgrund der politischen Repressionen in ihren Ländern nach Deutschland fliehen mussten beziehungsweise ihre akademische Arbeit nur sehr eingeschränkt fortsetzen können. Diese Hetzjagd auf Akademiker*innen betrifft vor allem Fächer wie Gender Studies, die dem Weltbild solcher Regime entgegenstehen. Dr. Türkyilmaz berichtete vom „sozialen Tod“, der Universitätsmitarbeiter*innen in der Türkei drohe, die auf executive order des Dienstes enthoben werden. Sie verlieren weit mehr als „nur“ ihre wissenschaftliche Stelle, sondern haben auch in der gesamten Privatwirtschaft keine Chance mehr auf eine Anstellung und sogar Schwierigkeiten, etwa ein Bankkonto zu eröffnen. Ihre Kollegin Dr. Mutluer wies jedoch auch auf die Gefahr einer doppelten Viktimisierung hin, wenn nun in Deutschland die Erwartung an sie herangetragen wird dem Bild des „idealen Flüchtlings“ zu entsprechen. Dieser neuen akademischen Diaspora geht es nicht um „Integration“ – sie wollen kein Deutsch lernen, sondern ihre wissenschaftliche Forschung fortführen.
Die Tagung gab den Teilnehmenden anregende Denkangebote mit auf den Weg, gesellschaftlich eingeschriebene Normativität und hegemoniale Narrative zu erkennen, in Frage zu stellen und neue diskursive Verknüpfungen zuzulassen. Was als Aufgabe nun bleibt, ist vor allem, diese Haltung aus der wissenschaftlichen „Blase“ mit geeigneten Strategien und Methoden in das gesamtgesellschaftliche Bewusstsein und die außerakademischen Debatten zu bringen.

Mehr Information zur Tagung finden Sie hier.

Die Freudenberg Stiftung unterstützt den Rat für Migration seit seiner Gründung 1998. Der Rat für Migration ist Träger des Mediendienst Integration, einer Informations-Plattform für Medienschaffende zu den Themen Migration, Integration und Asyl in Deutschland.