23.11.2017

Wie schaffen wir Gleichwertigkeit: JETZT? Wissenschaft und Praxis im Dialog

Etwa 60 Expert*innen setzten sich am 23. und 24. November 2017 im Hermannshof Weinheim mit der Frage auseinander, wie wir gemeinsam Gleichwertigkeit als unverhandelbaren Kern einer demokratischen, offenen Gesellschaft stärken können. Die Tagung selbst verstand sich als Erkundung verschiedener wissenschaftlicher, praktischer und künstlerischer Perspektiven auf das Thema Ideologien der (UN-)Gleichwertigkeit. Ziel war es zum einen, die eigenen Wahrnehmungs- und Interpretationsmuster von Phänomenen der (UN-)Gleichwertigkeit zu erweitern. Zum anderen war beabsichtigt, gemeinsam wirkungsvolle Handlungsansätze für Gleichwertigkeit zu stärken. Dialog, Zuhören und Kommunizieren, über sich hinaus Denken, Eigenes kritisch überprüfen, Aktive im Feld neu kennen lernen, Fragen aufwerfen standen dabei im Mittelpunkt. Bis 2012 veranstaltete die Freudenberg Stiftung regelmäßig Dialoge zur Diskussion der jährlichen Messung der Verbreitung von Vorurteilsstrukturen zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (GMF). Beabsichtigt war jetzt eine Wiederaufnahme von Wissenschaft-Praxis-Gesprächen rund um Ideologien der Ungleichwertigkeit auch ohne systematische Bezugnahme auf eine quantitative Langzeitbeobachtung. Zum Programm

Akteur*innen aus Wissenschaft und Praxis im Dialog zum Thema (Un-)Gleichwertigkeit. (Foto: Freudenberg Stiftung) Akteur*innen aus Wissenschaft und Praxis im Dialog zum Thema (Un-)Gleichwertigkeit. (Foto: Freudenberg Stiftung)

Was die Freudenberg Stiftung aus der Tagung gelernt hateine Auswahl:

1. Das Nachdenken über die Frage “Wer ist WIR und was hält uns zusammen?” Der wieder erstarkende Rassismus, der sich aktuell in Deutschland und Europa insbesondere als Abwertung und Verletzung von Geflüchteten zeigt, sowie die Abwehr moderner Identitäts- und Lebensformen, die in den Arbeitsgruppen der Tagung zentrale Themen waren, haben uns im Nachhinein veranlasst, eine 1960 gehaltene Rede von James Baldwin “Auf der Suche nach einer Mehrheit” wieder hervorzuholen. Darin entwickelt der gegen Rassismus und Homophobie engagierte afroamerikanische Schriftsteller seine Analyse über kulturelle Hegemonie von Gruppen, die unabhängig von ihren Größenverhältnissen bestimmen, welche Werte und Umgangsformen in einer Gesellschaft als normal gelten. Radikale Minderheiten, wie derzeit die Rechtsextremen, können in Analogie zu Baldwins Thesen dominieren, wenn sie ein moralisches Vakuum füllen bzw. eine Werteverunsicherung zur eigenen kulturellen Hegemonie nutzen. Hoffnungsvoll formulierte der 1987 verstorbene Aktivist seine Vision: „Die Mehrheit, nach der wir alle suchen, muss uns aus der Vergangenheit herausführen, mit der Gegenwart umgehen und Maßstäbe schaffen, die dem entsprechen, was ein Mensch sein kann: diese Mehrheit bist du. Niemand sonst. Die Welt liegt vor dir und du musst sie nicht so nehmen oder lassen wie sie war, als du zu ihr kamst.“ Damit hat Baldwin eine Perspektive eines WIR entwickelt, das Menschen als politische und handelnde Subjekte mit Entscheidungen sieht und nicht in Minderheiten und Mehrheit aufspaltet, und dies bei gleichzeitiger Analyse der wirtschaftlichen und sozialpsychologischen Funktionen des vorhandenen Rassismus: Gemeinsame Zukunft als Überschreitung der unterschiedlichen Herkunft. Eine aktuelle Entsprechung ist die Perspektive eines gemeinsamen Leitbildes in einer modernen Einwanderungsgesellschaft, wie es Naika Foroutan u. a. vorschlagen.

Runde Tische und flexible Arbeitsgruppen: Offene Diskussionsformate förderten einen intensiven Austausch der Teilnehmenden. (Foto: Freudenberg Stiftung) Runde Tische und flexible Arbeitsgruppen: Offene Diskussionsformate förderten einen intensiven Austausch der Teilnehmenden. (Foto: Freudenberg Stiftung)

2. Für die Stiftung ist das Einbeziehen von Wahrnehmungen der jeweiligen sozialen Lage als abgehängt und abstiegsbedroht in bestimmten Regionen und Milieus wichtig. Das Aufgreifen dahinter liegender, legitimer Bedürfnisse nach Bildungserfolg und Existenzsicherheit wollen wir nicht rechtsextremen Gruppierungen überlassen, die darauf mit Etabliertenvorrechten, Zuwendungskonkurrenz und Rassismus antworten. Wir müssen deshalb die ungleiche soziale Lage und damit auch die Zukunft der stärker digitalen Arbeitsgesellschaft mit ihrer Gefahr der Zunahme sozialer Ungleichheit mit aufgreifen, um langfristig inklusionsförderliche Bildungsstrategien zu entfalten. Als Sozialräume mit besonderem Entwicklungsbedarf sehen wir unvermindert armutsbelastete Stadtteile bundesweit und abstiegsgefährdete ländliche Regionen v. a. in Ostdeutschland. Welche Rolle die Wahrnehmung und Interpretation der eigenen sozialen Lage für die digitale Kommunikation und digitale Bildungsstrategien spielt, ist noch eine offene Frage in der Stiftung. Wir werden mit unseren Partner*innen sprechen, nicht zuletzt um armutssensible Handlungsansätze auch für den digitalen Raum zu entwickeln.

3. Wir sehen uns bestärkt, für einen klaren demokratischen Wertekern gerade außerhalb gewohnter Kommunikationsräume in Dialog zu treten. Dabei sehen wir die bei der Tagung betonten Grundprinzipien Gleichwertigkeit, Freiheit und Gewaltlosigkeit als unverhandelbare Wertegrundlagen. Gerade in der Debatte um Hate Speech endet die Meinungsfreiheit dort, wo Gleichwertigkeit bedroht und zu Gewalt aufgefordert wird. Gleichzeitig sehen wir den Dialog, die kommunikative Auseinandersetzung und ggf. auch Konfrontation außerhalb der sich selbst bestätigenden Kommunikationsräume als zentrale Mittel, nicht selbst in eine Art Filterblase zu geraten. Die Vielfalt unserer internen und externen Zielgruppen in Verwaltungen, Schulen, Medien, Kunst, Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft begünstigt, dass die Stiftung ein offener Kommunikationsraum bleibt, indem neue, unerwartete Kooperationen entstehen können. Wir sehen uns durch die Gespräche auch darin bestärkt, die Verbreiterung demokratischer Wertegrundlagen und die Stärkung demokratischer Institutionen zum expliziten Bestandteil unserer Kooperationen zu machen.

Kunst für demokratische Kultur: Abgerundet wurde die Tagung durch eine Aufführung des Theaterstücks "Rechts: ex und pop - oder Eine Proklamation für die Demokratie" des COMMUNITYartCENTERmannheim. (Foto: Julia Schleisiek) Kunst für demokratische Kultur: Abgerundet wurde die Tagung durch eine Aufführung des Theaterstücks "Rechts: ex und pop - oder Eine Proklamation für die Demokratie" des COMMUNITYartCENTERmannheim. (Foto: Julia Schleisiek)

4. Wir sehen uns herausgefordert, mit unseren Partner*innen auf die komplexen Veränderungen durch neue Kommunikationsformen und kulturelle Hegemoniestrategien der neuen Rechten methodisch wirksame Praxis zu entwickeln. Deutlich geworden ist bei der Tagung, dass der Analyse der jeweiligen sehr konkreten Herausforderungen an Schulen, in Kommunen, in Verwaltungen eine durchdachte operationalisierte Praxis folgen muss. Die Notwendigkeit der Übersetzung der Erkenntnisse in plausibles Handeln wurde auch in der Schlussauswertung der Tagung betont. Wie entsteht z. B. bei Schülerinnen und Schüler ein demokratischer Wertekompass? Welche gesammelte Empirie haben wir dazu und was können wir zusammen mit Partner*innen wo mit welchen Mitteln wie tun? Wie lässt sich in der pädagogischen Arbeit an Tätern und Opfern ansetzen? Wie gleichwertig sind Rechtspopulist*innen?, wurde in den Open Space-Gruppen gefragt. Wir fragen uns auch, was tun angesichts rechtsextremer Dominanzbestrebungen im lokalen Raum. Welche gesammelten Erfahrungen gibt es vor Ort – was lässt sich aus erforschter lokaler Praxis an Handlungsempfehlungen ableiten? Als Stiftung sehen wir uns darin bestärkt, auf methodisch tragfähige Antworten mit Aussicht auf langfristige Wirkung bei gleichzeitiger Offenheit für Unerwartetes zu setzen.