11.01.2018

CIVIS Medienkonferenz 2018: „Das neue deutsche WIR: Ausbruch aus der Krise?“

Der Ton ist rauer geworden in Deutschland, neu-rechtes Gedankengut weit in der Mitte angekommen: Durch Globalisierung und Digitalisierung weitet sich die Schere in der Gesellschaft, sie unterteilt sich zunehmend in „Gewinner“ und „Verlierer“. Die Einen – hoch Ausgebildeten, Urbanen, Mobilen – profitieren von den neuen Entwicklungen, die Anderen – lokal im eher ländlichen Raum verhaftet, mit mittlerer oder geringer Ausbildung – erleben Entwertung. In ihrer Sehnsucht nach mehr Eindeutigkeit und einer identitätsstiftenden Heimat wenden sie sich nationalpopulistischen Strömungen zu und melden sich lautstark zu Wort. Dabei geht es oft um Zuwanderung und doch scheinen die gestiegenen Flüchtlingszahlen nur die Chiffre für ein diffuses gefühltes Zuviel an Veränderung zu sein.
Welche Wege können aus dieser Krise führen, welches neue deutsche WIR kann die Spaltung der Gesellschaft überwinden und welche Rolle spielen die Medien dabei? Auf diese Fragen versuchten führende Wissenschaftler*innen und Medienschaffende bei der zehnten CIVIS Medienkonferenz 2018 in der Akademie der Künste in Berlin Antworten und Ansätze zu finden.

Medienschaffende und Politiker*innen diskutieren unter der Moderation von Pinar Atalay über verantwortungsvollen Journalismus. (Foto: Freudenberg Stiftung) Medienschaffende und Politiker*innen diskutieren unter der Moderation von Pinar Atalay über verantwortungsvollen Journalismus. (Foto: Freudenberg Stiftung)

Fake News als Schaumkrone eines deregulierten Wahrheitsmarktes

Unumstritten ist: Es gibt nicht nur eine “richtige” Wahrnehmung der Welt, verschiedene Perspektiven und Deutungen haben ihre Berechtigung und Legitimität. Und doch: “Realität ist das, was nicht weggeht, auch wenn man nicht daran glaubt”, brachte es der Medienwissenschaftler Professor Pörksen auf den Punkt. Die Macht, welche Desinformation – „Fake News“ – derzeit über die sozialen Medien entfalten, beunruhigt daher seriöse Journalist*innen, Politiker*innen und Pädagog*innen gleichermaßen. Dennoch stellen sie nur die „Schaumkrone“ eines deregulierten Wahrheitsmarktes voller Ambivalenzen dar, so Pörksen: Die Geschwindigkeit der sozialen Medien führe zu einer Sofort-Sichtbarkeit aller noch so banalen Geschehnisse auf der Welt und zu ihrer unmittelbaren Interpretation durch die digitalen Nachrichten-Maschinerie – zulasten der Genauigkeit, denn Wahrheit brauche Zeit. Die enorme Offenheit des neuen Wahrheitsmarktes, in dem sich jede und jeder jederzeit in Debatten einschalten kann, steigere auch deren Manipulationsanfälligkeit. Die unendlichen Vernetzungsmöglichkeiten durch die neuen Medien komme sowohl den „Guten“ als auch den „Schlechten“ zu Gute.

Simon Hegelich, Professor für Political Data Science an der HfP München, über die "digitale Revolution" und das "Prinzip Facebook". (Foto: Freudenberg Stiftung) Simon Hegelich, Professor für Political Data Science an der HfP München, über die "digitale Revolution" und das "Prinzip Facebook". (Foto: Freudenberg Stiftung)

Hyper-Individualisierung durch digitale Datenregime

Über die Auswirkungen der kontinuierlich steigenden Zunahme von Daten, die von jedem Individuum mit undurchschaubaren Algorithmen generiert werden, referierte der Makrosoziologe Professor Mau. Indem durch die digitalen Datenregime wie mit einem Zoom alle denkbaren individuellen Unterschiede erfasst werden können, drohe das gesellschaftliche „Wir“ in dieser immensen Ausdifferenzierung und sozialen Segmentierung aufgelöst zu werden. Die Valorisierung, die Kategorisierung und Wert-Messung des Einzelnen anhand dieses maximal individualisierten Datensystems gehe jedoch Hand in Hand mit Prozessen der Entpolitisierung und Entsolidarisierung. Dabei würden höchst asymmetrische Transparenzverhältnisse geschaffen, indem der und die Einzelne immer gläserner werde, selbst aber keinen Einblick darüber erhalte, wie und durch wen dieses digitale Wissen produziert wird.
Auch Nachrichten würden durch das „Prinzip Facebook“ individualisiert, emotionalisiert und privatisiert. Individuen erhalten nur noch selten ein komplexes Bild der Lage, sondern spiegeln und reproduzieren ihr Wissen durch user-generierte Inhalte in „Echokammern“.

Selbstkritik als Ansatz aus der Krise

Diese neuen Formen der Information und Kommunikation, die auf Effekt und Affekt setzen anstatt auf komplexes Verständnis, machen sich insbesondere populistische Parteien zu Nutze: Ihre Stilmittel ähneln dem des Sensationsjournalismus oft verblüffend. Warum schaffen es jedoch die demokratischen Parteien der viel beschworenen „Mitte“ nicht, mit ihren an Fortschritt und Aufklärung orientierten Themen mehr Wähler*innen zu überzeugen? Oft machen sie exklusive Identitätsangebote, fokussieren Themen, die für viele Menschen keine Priorität darstellen, sind zu selbstreferenziell und selbstgefällig in ihrem bürgerlich-liberalen Weltbild, so eine wiederkehrende Argumentation der Referent*innen. Während die Rechtspopulist*innen ganz genau wissen, wer „wir“ sind und den Identitätssuchenden das Angebot eines kollektiven Maximalkonsenses bieten, ringe die andere Seite um einen Minimalkonsens eines „Wirs“, das sich an einem Verfassungspatriotismus und der Würde und Gleichheit des Menschen orientiere, damit aber nur wenig identitätsstiftend sein kann. Die Parteien der demokratischen Mitte sind daher gezwungen, sich um eine stärkere Attraktivität zu bemühen, um nicht die gewinnen zu lassen, die das „Identitätsspiel“ spielen. Sie müssen sich re-politisieren, die Bürger*innen mehr in ihre Politik einbinden sowie gegenüber Rechtspopulist*innen eine Balance halten zwischen Konfrontations- und Gesprächsbereitschaft, ließ sich als möglicher Ansatz aus der Krise skizzieren.

Dr. Armin Wolf (ORF) in der Diskussion mit Klaus Brinkbäumer (Der Spiegel), Dr.h.c. Roger de Weck (Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft) und Sonia Seymour Mikich (WDR). (Foto: Freudenberg Stiftung) Dr. Armin Wolf (ORF) in der Diskussion mit Klaus Brinkbäumer (Der Spiegel), Dr.h.c. Roger de Weck (Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft) und Sonia Seymour Mikich (WDR). (Foto: Freudenberg Stiftung)

Guten Journalismus erklären und offenlegen

Seriöse Jounalist*innen dürfen weder resignieren noch den Dialog abreißen mit denjenigen Bevölkerungsteilen, die sie an die medialen „Rattenfänger“ zu verlieren drohen. Sie stehen selbst in der Verantwortung, ihre Glaubwürdigkeit (wieder) herzustellen und selbstkritisch zu hinterfragen, welche Rolle sie bei dem Erstarken neu-rechter Parteien spielen. Um Unterstellungen eines manipulierten medialen Mainstreams entgegenzuwirken, müssen Journalist*innen offenlegen, wie sie zu ihren Aussagen kommen, welche Recherchen und welche Arbeitsweise dahinter stehen, aber auch welche Werte ihrer Arbeit inhärent sind. Sie müssen eigene Fehler in der Berichterstattung offensiv korrigieren und ihre Weltbilder nicht in ihren Redaktionen stetig reproduzieren, sondern selbst die Vielfalt der Gesellschaft personell abbilden. Ebenso sei wichtig, die öffentlich-rechtlichen Medien zu stärken, die die ganze Bevölkerung und nicht nur einzelne Segmente mit ihrer Berichtserstattung erreichen wollen.

Ein Projekt für die Zukunft

Wir brauchen ein klares Projekt für die Zukunft, eine gemeinsame Perspektive, dürfen nicht in Ratlosigkeit und Gegenwartsbezogenheit verharren: Dieser Appell zog sich als roter Faden durch die Redebeiträge. Wir alle, und im Besonderen Medienschaffende und Politiker*innen, müssen uns mit der Frage auseinandersetzen „Was ist jetzt deutsch?“, und auf Basis einer solchen dynamischen Perspektive den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken versuchen. Aus- und Abgrenzung gegenüber bestimmten Bevölkerungsteilen stellen dabei niemals eine Lösung dar, es gibt keine Alternative als mit allen unseren Mitbürger*innen, seien sie uns lieb oder nicht, im Dialog zu bleiben. Das Gemeinwesen muss wiederbelebt werden, die Liberalen und Anti-Populist*innen dürfen nicht in exklusiven bourgeoisen Filterblasen kreisen. Die Ideale des guten Journalismus – Transparenz, Aufklärung, Dialektik – als Teil der Allgemeinbildung zu vermitteln, kann dabei eine vielversprechende Gelingensbedingung für das gesellschaftliche Zusammenleben im Allgemeinen sein.

Auf der CIVIS-Internetpräsenz finden Sie weitere Informationen zur Konferenz sowie alle Beiträge im Video.

Gemeinsam mit dem WDR, stellvertretend für die ARD, hat die Freudenberg Stiftung die CIVIS Medienstiftung gegründet. Seit 1987 zeichnet die CIVIS Medienstiftung jährlich herausragende Programmbeiträge aus, die für die Themen kulturelle Vielfalt und Bekämpfung von Diskriminierung sensibilisieren. Noch bis zum 23. Januar 2018 können Beiträge eingereicht werden.