14.03.2018

Vom Dialog zur Kooperation - Jürgen Micksch blickt auf seine langjährige Friedensarbeit durch und zwischen Religionsgemeinschaften zurück

Zentrales Motiv für das jahrzehntelange Wirken des evangelischen Theologen und Soziologen Dr. Jürgen Micksch war und ist, zum Frieden zwischen den Menschen durch Vertrauensarbeit beizutragen. Optimistisch blickt er auf seine Wirkungsgeschichte zurück und findet: „Deutschland ist bei der interreligiösen Kooperation auf einem guten Weg“. In den zurückliegenden Jahrzehnten seien gute Kommunikationsstrukturen und Aktionsformen wie die Interkulturelle Woche, der Tag der Offenen Moschee und die Internationalen Wochen gegen Rassismus entstanden. Im Jahr 2018 beteiligten sich Moscheegemeinden mit über 1700 Veranstaltungen an den UN-Wochen gegen Rassismus. Jürgen Micksch erinnert sich an islamische Unterrichtsbücher Anfang der 1970er Jahre, die zur Frage, was mit einem gläubigen Menschen zu tun sei, der eine falsche Gebetshaltung habe, schrieben: beim ersten Mal mahnen, beim zweiten Mal schlagen, beim dritten Mal töten. Zu dieser Zeit habe es auch Morddrohungen gegen ihn aus dem Umfeld des damaligen syrisch-orthodoxen Bischofs gegeben, weil sich Micksch dafür eingesetzt hat, dass diese Christen im Südosten der Türkei bleiben können.

Auch die evangelische Kirche habe bei interreligiösen Kooperationen in den letzten Jahren sehr viel dazu gelernt und sei auf einem sehr partnerschaftlichen Kurs, während er noch Entwicklungsbedarf in der offiziellen katholischen Kirche sieht. Jürgen Micksch war Gründer der Abrahamischen Foren auf Bundesebene und der Abrahamischen Teams an Schulen. Auch die Religionsgemeinschaft der Bahai ist bei diesen Initiativen dabei. Vertreter*innen der Gülenbewegung und von Milli Görüs nehmen am Deutschen Islamforum teil. Hier setzt Jürgen Micksch auf Veränderungen durch Dialog und modernisierungsorientierte Auseinandersetzungen, was ihm manches Mal als unkritische Nähe zu bestimmten Gruppierungen vorgehalten wurde. Was laut Micksch allerdings fehle, seien langfristige Aktivitäten auf kommunaler Ebene oder über Projekttage an Schulen hinausgehende Vorhaben mit langem Atem. Einzelaktionen zeigten zwar positive Wirkungen auf die Beteiligten, sie könnten aber im Alltag von Gemeinden oder Schulen keine weitergehende Wirkung entfalten. Anfragen zur Übertragung interreligiöser Dialogformate erhielt er u.a. aus Ägypten, wo inzwischen ein Abrahamisches Forum aufgebaut werden konnte. Aus Ägypten sieht er die Gefahr einer Auswanderung der Kopt*innen nach Europa. In Israel sind die Rabbiner für Menschenrechte seine Partner. Auch in Marokko, Jordanien, Palästina und Algerien führt das Abrahamische Forum Gespräche, während zu Einrichtungen in der Türkei gegenwärtig keine aktiven Kontakte bestehen.

Die Zukunft sieht Jürgen Micksch im themenbezogenen gemeinsamen Engagement von Religionsgemeinschaften für soziale oder ökologische Anliegen wie die Überwindung von Rassismus oder Armut sowie die Verbesserung von Naturschutz. Während Jüd*innen bereits als Vortragende in Moscheegemeinden kämen, seien Muslim*innen in Synagogen noch schwer denkbar. Hier sieht er positive Spuren für die Zukunft, während die Angriffe gegen Synagogen und Moscheen sowie persönliche Übergriffe auf Jüd*innen und Muslim*innen von meist rechtsextremer Seite ihm große Sorgen bereiten. Die Befürchtungen kultureller Konflikte durch die aktuellen Fluchtbewegungen teilt er nicht. Gegen verallgemeinernde Zuschreibungen und Ängste setzt er konkrete praktische Erfahrungen aus Begegnungen mit vielfältigen, sehr heterogenen islamischen Milieus. Leider landen nur die schlechten Nachrichten in den Medien. Jürgen Micksch möchte dem keine mediale Inszenierung der vielen guten Beispiele aus seinem Mikrokosmos entgegensetzen, sondern vertraut auf die Basisarbeit, die aus vielen kleinen Friedensbewegungen eine große macht.

Das Hintergrundgespräch wurde von der Karl-und-Ria-Groeben-Stiftung veranstaltet, deren Geschäfte die Freudenberg Stiftung führt.