18.01.2018

Was heißt Wirkungsorientierung – lässt sich Wirkung steuern und überprüfen? Gemeinnützige Organisationen im Gespräch

Gemeinnützige Organisationen eint das Ziel, nach einem bestimmten Leitbild gesellschaftliche Veränderungen erreichen zu wollen. Dafür entwickeln und fördern sie Projekte, machen Öffentlichkeitsarbeit, Politikberatung. Welche Annahmen über ihre eigene Wirkung stehen aber hinter dem, was sie tun und wie können sie diese Wirkung eigentlich überprüfen – wenn überhaupt?
Um über die eigene Wirkungslogik und Wirkungsüberprüfung kritisch gemeinsam zu reflektieren, lud die Freudenberg Stiftung zusammen mit der Phineo gAG und den Montag Stiftungen die RuhrFutur gGmbH, die Open Society Foundations, die Amadeu Antonio Stiftung und die Stiftung Lernen durch Engagement zu einem Gespräch nach Berlin.

Dr. Tanja Salem präsentierte im Dezember 2017 die Ergebnisse ihrer Evaluation des Programms Ein Quadratkilometer Bildung Neukölln, die qualitative und quantitative Ansätze miteinander kombinierte. (Foto: Stephan Röhl) Dr. Tanja Salem präsentierte im Dezember 2017 die Ergebnisse ihrer Evaluation des Programms Ein Quadratkilometer Bildung Neukölln, die qualitative und quantitative Ansätze miteinander kombinierte. (Foto: Stephan Röhl)

Was meinen wir, wenn wir von „Wirkung“ sprechen?

Die Diskussion um Wirkung lässt sich von ganz vorn beginnen: Was meinen wir überhaupt, wenn wir von „Wirkung“ sprechen? Im Deutschen kann der Begriff vieles umfassen, während die englischen Übersetzungen wie „impact“, „effect“ oder „outcome“ jeweils genauere theoretische Dimensionen von „Wirkung“ beschreiben. Wirkung entsteht im Wechselspiel zwischen sozialen Dynamiken und den vielschichtigen Qualitätsmerkmalen einer Intervention. Sie beschränkt sich nie auf eine einzige Zielgruppe, sondern auf alle am Projektzusammenhang beteiligten Akteur*innen. Wirkung ist außerdem höchst individuell: Eine Fortbildung zum Beispiel „wirkt“ nicht bei jedem Teilnehmenden auf die gleiche Weise. Und wer die öffentliche Meinung beeinflussen will, muss wissen, dass ein und dieselbe Botschaft in unterschiedlichen Bevölkerungsmilieus konträre Wirkungen entfalten kann.

Wessen Wirkung?

Organisationen wie Stiftungen können niemals im Alleingang erfolgreich sein, sondern müssen, trotz ungleicher Machtverhältnisse, auf der Basis bestimmter unverhandelbarer Grundprinzipien mit einer Vielzahl zivilgesellschaftlicher und staatlicher Partner*innen auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Dies schließt ein, oft in ambivalenten Kooperationsverhältnissen zu manövrieren, z. B. trotz der eigenen Abhängigkeit von Bundesmitteln staatliche Politik zu kritisieren sowie gegenüber ganz unterschiedlichen Partner*innen legitimierungspflichtig zu sein.
Die Tatsache, dass die Projekte, deren Wirkung gemessen werden soll, stets komplexe Koproduktionen einer Vielzahl von Akteur*innen sind und auch die soziale Umwelt außerhalb des direkten Projektzusammenhangs unentwegt auf alle Beteiligten einwirkt, macht die Wirkungsmessung umso schwieriger. Wie lässt sich eindeutig bestimmen, wessen Beitrag wie genau das Gesamtergebnis prägt? Und wie können Wirkungen gleichberechtigt mit den Projektbeteiligten untersucht werden, die jeweils ihr eigenes Verständnis von wesentlichen Begriffen haben?

„Faktor Mensch“: Das A und O der Wirkung?

Das Interventionsfeld gemeinnütziger Organisationen ist die gesellschaftliche Realität. Soziale Dynamiken lassen sich aber nie vollständig vorausplanen und berechnen. Umso unumgänglicher ist es, den „Faktor Mensch“ in der eigenen Wirkungslogik ganz oben mitzudenken. Dies bedeutet zum einen, nicht starr an modellhaften, idealtypischen Wirkungsschemata festzuhalten, sondern angepasst an den spezifischen Kontext qualitative und quantitative Methoden dialektisch und flexibel zu kombinieren. Allen vertretenen Organisationen war viel daran gelegen, das Thema nicht auf eine einzige „Wirkmechanik“ oder Wirkungsüberprüfung zu verengen, sondern es vielmehr aus unterschiedlichen Blickwinkeln und Zugängen heraus zu reflektieren.
Zum anderen reicht es nicht, nur auf mess- und zählbare Indikatoren bei der Wirkungsmessung zu setzen, sondern auch die Projektpartner*innen selbst als Menschen sind ein ganz wesentlicher Teil des Wirkungsprozesses. Vertrauen gegenüber Projektpartner*innen hat als Förderkriterium ebenso Berechtigung wie die Bewertung eines spezifischen Projektdesigns.

Förderlogiken versus Lernprozesse und Fehlerfreundlichkeit?

Irren ist menschlich: Stiftungen setzen große Summen auf erfolglose Projekte, Projekte können ihre angestrebten Ziele nicht erreichen – kurz: Wirkungslogiken gehen oft nicht auf. Der „Faktor Mensch“ wirkt auf alle Dimensionen der Wirkungskette ein. Dennoch verhindert die Förderlogik vieler Organisationen, Scheitern als Lernen zu verstehen und belohnt stattdessen glattgebügelte Erfolgs- anstatt Lerngeschichten. Eine solche auf vordefinierte Produkte anstatt auf Wirkungsprozesse fokussierte Förderlogik führt auch dazu, dass kurzfristige Projekte finanziert werden, während eine institutionelle Förderung in Hinblick auf Nachhaltigkeit häufig die bessere Investition darstellen würde.
Ein konstruktiver und toleranter Umgang mit Fehlern ist auch als internes Organisationsprinzip eine wesentliche Bedingung für einen positiven Wirkungsprozess. Dies betrifft nicht nur den intervenierenden Umgang mit Fehlern, zum Beispiel die Bereitschaft, sich Fehler einzugestehen und eingegangene Wege zu revidieren, sondern auch die Prävention von Fehlern, indem Fehler systematisch als Quellen für den Lernprozess einer Organisation genutzt werden. Aber auch, indem Projekt- und Förderentscheidungen zum Beispiel nicht prinzipiell an hierarchisch höchster Stelle gefällt, sondern dezentral an Expert*innen delegiert werden, lässt sich die Wahrscheinlichkeit einer treffenden Einschätzung erhöhen und Rollenkonflikte vermeiden.

Die Modellprojekte der Initiative Bildungsrecht für Kinder und Jugendliche mit Fluchterfahrung: JETZT! werden von Forscherinnen der Universität Frankfurt wissenschaftlich begleitet. (Foto: Andreas Henn) Die Modellprojekte der Initiative Bildungsrecht für Kinder und Jugendliche mit Fluchterfahrung: JETZT! werden von Forscherinnen der Universität Frankfurt wissenschaftlich begleitet. (Foto: Andreas Henn)

Wissenschaft und Wirkung

Die meisten gemeinnützigen Organisationen setzen auf eine wissenschaftliche „Absicherung“, um die gewünschte Wirkung erzielen zu können. Aber der Bezug auf Wissenschaft ist vielschichtig und kann sich auf vieles beziehen: auf interner Ebene z. B. auf die wissenschaftliche Qualifikation der Mitarbeitenden, auf der Projektebene auf die punktuelle oder permanente wissenschaftliche Begleitung bzw. Evaluation, auf der strategisch-konzeptionellen Ebene auf die Nutzung wissenschaftlicher Analysen als Instrument der Politikfolgenabschätzung. Nicht zuletzt schafft Wissenschaft Vertrauen in der externen Kommunikation. Wer sein Projektvorhaben mit bestätigenden wissenschaftlichen Studien untermauern kann, hat einen besseren Stand bei potentiellen Förderern und in der Öffentlichkeit.
Wissenschaftliche Begleitung ernst zu nehmen erfordert jedoch eine noch größere Bereitschaft, die eigenen Vorannahmen gegebenenfalls zu revidieren und neue Perspektiven auf Wirkungszusammenhänge zuzulassen. Dabei darf nicht vergessen werden, dass gerade Kritikfähigkeit ein Kennzeichen von Wissenschaft ist. Ein wissenschaftlicher Befund ist also nie in Stein gemeißelt, sondern vielmehr als Appell zu einer kontinuierlichen weiteren Beforschung in enger Symbiose mit der Praxis zu verstehen.

Das Gespräch machte deutlich: als gemeinnützige Akteur*innen der Zivilgesellschaft können wir nie sicher sein, dass wir tatsächlich so wirken, wie wir es uns wünschen. Bei der Frage nach unserer Wirkung zeigen sich viele Spannungsfelder, für die es keine einfachen Lösungen gibt. Und doch ist unsere Wirksamkeit wesentlich für unsere Motivation und unsere Legitimation. Ein hohes Maß an Selbstreflexivität und Revisionsbereitschaft, Kooperationsbereitschaft und die Haltung, den eigenen Lernprozess als nie abgeschlossen zu betrachten, lassen sich aber als die Faktoren identifizieren, die es wahrscheinlich machen, dass soziale Interventionen – langfristig und im kontextualisierten Gesamtergebnis – tatsächlich zu dem gesellschaftlichen Wandel beitragen, den wir uns wünschen.