Bürgerstiftung und Schulentwicklungsagentur Tuzla, Bosnien-Herzegowina

Was ist die Bürgerstiftung und Schulentwicklungsagentur in Tuzla?

Die Bürgerstiftung Tuzla (Fondacija Tuzlanske Zajednice) und das Schulentwicklungs-netzwerks MIOS haben sich seit 1999 aus der Zusammenarbeit mit der aktiven Grundschule in Simin Han entwickelt. Aus der Bürgerstiftung im Stadtteil Simin Han ist eine für ganz Tuzla zuständige Bürgerstiftung geworden. Das besondere Kennzeichen aller Projekte der Bürgerstiftung ist, daß Jugendliche selbst mitbestimmen. Beispiel hierfür ist die Jugendbank, bei der Jugendliche aus einkommensarmen Familien lernen, Gelder aus einem Fonds für gute Jugendprojekte sinnvoll einzusetzen. Durch die Bürgerstiftung werden diejenigen Stadtteile in Tuzla gefördert, die einen großen Entwicklungsbedarf aufweisen und in denen sich Bürgerinnen und Bürger aktiv organisieren. Ein besonderer Fokus liegt auf der Stärkung von Jugendlichen.

Die Schulentwicklungsagentur MIOS entstand aus einem Schulentwicklungsprojekt in Tuzla (BiH), Novi Sad (Serbien) und Osijek (Kroatien), welches die Erfahrungen der Entwicklung der Grundschule in Tuzla Simin Han zu übertragen versuchte. Inzwischen ist MIOS zu einem Schulnetzwerk mit Mitgliedern aus den drei Ländern herangewachsen, welches Schulen Training, Beratung und Entwicklungsimpulse bietet.

Was sind die Ziele?

Ziel der Bürgerstiftung ist die Unterstützung der Gesellschaft bei der demokratischen Entwicklung, der Stärkung bürgerschaftlichen Engagements und der Stärkung von Jugendlichen und deren Partizipation im demokratischen Gemeinwesen durch

  • demokratische Schulentwicklung und Schulöffnung,
  • Verbreitung neuer Lehr- und Lernmethoden,
  • Etablierung demokratischer Managementmethoden,
  • Inklusives Lernen und Individualisierung von Unterrichtsmethoden,
  • praktische Umsetzung der Inklusion,
  • Aufbau von Fortbildungscurricula,
  • Standardisierung der Ansätze und Integration der Ansätze in das offizielle Schulsystem.

Was machen Bürgerstiftung und Schulentwicklungsagentur in Tuzla?

  • Stadtteilentwicklung nach dem Konzept der Community Education in Zusammenarbeit mit der Schulentwicklungsorganisation MIOS.
  • Förderung von Jugendlichen durch die „Jugendbank“, Jugendräte und der Gruppe „Osmijeh za Osmijeh“ (Lachen für Lachen)
  • Förderung von Bürgerinitiativen durch kleinere Projektzuwendungen
  • Aufbau eines Krankenbesuchsdienstes in Simin Han

Das Schulentwicklungsnetzwerk MIOS

  • berät und unterstützt in Zusammenarbeit mit der staatlichen Schulbehörde Schulen im Kanton Tuzla, mit dem Ziel der Verbreitung guter Erfahrungen aus Simin Han mit der Einführung interaktiver Lehrmethoden und der Öffnung des Schulumfelds,
  • lädt Schulen ein, an Ausbildungen im Bereich interaktiver Methoden, Inklusion und demokratische Schulentwicklung teilzunehmen. Dabei werden immer wieder neue Methoden eingeführt und dafür Trainer ausgebildet. In Zusammenarbeit mit den lokalen Behörden können die Ausbildungen durchgeführt werden und sind anerkannt.
  • entwickelt ein Theorie Praxis Ansatz, der es ermöglicht, die trainierten Kenntnisse unmittelbar umzusetzen und praktisch zu erproben
  • arbeitet gemeinsam mit der Bürgerstiftung Tuzla in verschiedenen Stadtteilen kontinuierlich an der Öffnung von Schulen und der Kooperation mit den Akteuren im Stadtteil zu Gunsten der Kinder und Jugendlichen
  • ermöglicht den Schulen mit Unterstützung des BMZ einen barrierefreien Zugang für benachteiligte Kinder und Jugendliche zu schaffen und ihnen besondere Förderung zukommen zu lassen

Wer finanziert die Bürgerstiftung und Schulentwicklungsagentur in Tuzla?

  • Freudenberg Stiftung, Weinheim

Welche Partner unterstützen die Bürgerstiftung und Schulentwicklungsagentur in Tuzla?

  • Charles Stewart Mott Stiftung
  • Olof Palme Zentrum
  • Soros Stiftung
  • Balkan Trust für Demokratie
  • Rosa Luxemburg Stiftung
  • Stadtverwaltung Tuzla
  • Lokale Privatpersonen und Firmen
  • Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ)

Warum engagiert sich die Freudenberg Stiftung für die Bürgerstiftung und Schulentwicklungsagentur in Tuzla?

1999 wurde anlässlich des 150-jährigen Jubiläums der Firma Freudenberg von ihren GesellschafterInnen ein Sonderfonds von rund 1 Million Euro ins Leben gerufen, der für Vorhaben und Initiativen in Bosnien und Herzegowina und in Mazedonien verwendet werden sollte. Auf diese Weise wollten die Stifter des Fonds die Mitverantwortung in der Weltgemeinschaft zum Ausdruck zu bringen. So wurde das „Jubiläums-Projekt“ mit dem Engagement für drei langfristig angelegte Projekte ins Leben gerufen. Eines von diesen ist das Community-Education Projekt in Tuzla-Simin Han, für das sich die Freudenberg Stiftung engagierte. Letzteres erlaubte es der Stiftung, in zwei für sie neuen Ländern tätig zu werden und dort wichtige Erfahrungen zu machen, die wiederum in die hiesigen Programme zurück einfließen können. Die Bürgerstiftung in Tuzla ist insbesondere eine Plattform für Gemeinschaftsprojekte vor allem junger Menschen geworden. Dort werden Projekte wie die Jugendbank initiiert und beheimatet. MIOS ist ein Netzwerk von Schulen, die sich im Kanton Tuzla für Demokratie, Offenheit und Inklusion einsetzen. Über MIOS ist es möglich, die Erfahrungen der Freudenberg Stiftung z.B. im Bereich Service Learning und Ein Quadratkilometer Bildung auf Tuzla zu übertragen. Die Freudenberg Stiftung leistet somit seit 1999 einen Beitrag zur Sicherung der Nachhaltigkeit und zur institutionellen Stabilisierung der Bürgerstiftung und der Schulentwicklungsagentur in Tuzla.

Kontakt

Bürgerstiftung Tuzla
Jasna Jasarevic
Pozorišna 13
75000 Tuzla
Bosnien und Herzegowina
Tel/Fax: ++387 35 362 833
jasna@fondacijatz.org
http://www.fondacijatz.org

MIOS (Medjunarodno udruzenje interaktivne otovrene skole)
Edina Malkic
Pozorišna 13
75000 Tuzla
Bosnien und Herzegowina
Tel/Fax: ++387 35 362 901
muios@bih.net.ba
http://ioskole.net

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Das Mädchen mit dem breiten Lächeln und dem verborgenen Kummer – Eine Geschichte aus Simin Han

„Agora“ ist ein Gemeinschaftszentrum in einem Vorort von Tuzla, dessen Einwohner sich in besonderer Weise aufgrund der dort schlechten sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen ihren täglichen Anforderungen und Hürden stellen müssen. Circa 30 Kinder kommen jeden Tag nach Agora und während einige an den organisierten Aktivitäten teilnehmen, spielen die anderen einfach nur Tischtennis oder nutzen das Internet mithilfe praktischer Anleitung durch freiwillige Helfer. Bis vor kurzem dachten wir, sie kommen nur aufgrund der Kontaktmöglichkeiten und der sinnvollen Nutzung ihrer Freizeit.

Dies ist eine Geschichte über ein Mädchen mit einem breiten Lächeln und einem fröhlichen, vertrauensvollen und warmen Ausdruck in ihren Augen. Sie kommt jeden Tag nach der Schule in das Zentrum. Aufgrund ihres wunderschönen Lächelns ist sie trotz der Menge der Kinder, die wir jeden Tag im Zentrum zu Besuch haben, einfach nicht zu übersehen. Was sie ebenfalls von den anderen unterscheidet ist, dass sie immer allen unseren Mitarbeiter/innen einen „Guten Tag“ wünscht, sich höflich über deren Gesundheitszustand erkundigt und sogar manchmal jene umarmt, von denen sie glaubt, dass es für sie ok wäre. Zweimal pro Woche nimmt das Mädchen an der Tanzgruppe und einmal pro Woche am Kreativ-Workshop teil. Auch bei anderen angebotenen Aktivitäten ist sie grundsätzlich sehr engagiert dabei. Daraus schließen wir, dass sie Spaß und Freude im Zentrum hat. Deswegen war es für uns mehr als überraschend, als sich herausstellte, dass sich das Mädchen jeden Tag Hänseleien und Verspottung von Gleichaltrigen aussetzen muss. Dies ist ihr Alltag, sowohl in als auch außerhalb der Schule, wie wir durch Nachforschungen herausgefunden haben.

Als wir bei einer Diskussion mit 15 Mitgliedern der Tanzgruppe über deren Bedürfnisse diskutierten, konnten wir jedoch von den Kindern schwerlich erwarten, dass sie innerhalb ihrer Gruppe den Wunsch nach besseren Umgangsformen untereinander äußern. Dennoch erzählten manche, dass die anderen das Mädchen öfters mit hässlichen Namen beleidigten und sie auslachten und sagten, sie sei dreckig und rieche schlecht…. Das Mädchen saß währenddessen ganz ruhig da und hörte zu, wie ihre Freundinnen vor denjenigen Mädchen und Jungen, die sie immer mit den entwürdigenden Namen ansprechen und auslachen, die Situation beschrieben. Sie hatte dabei einen sehr ernsten Gesichtsausdruck, als ob es gar nicht um sie gehe und die hässlichen Wörter gar nicht ihr gelten würden.

Ihre Haltung und Einstellung nach all dem, was innerhalb des Zentrums schon zu ihr gesagt wurde, war mehr als beeindruckend. Deswegen interessierte uns umso mehr, weshalb das Mädchen trotz der andauernden Provokationen nach wie vor in der Gruppe bleiben und auch tanzen wollte. Sie antworte uns darauf: „Weil ihr im Angora Zentrum einfach sehr gut zu uns allen seid. Sara und Sabiha umarmen und küssen mich jedes Mal, wenn sie mich sehen und ich habe gute Freundinnen hier.“ Dieses fröhliche Mädchen mit dem offenen und warmen Lächeln sieht die Ungerechtigkeit nicht, sie nimmt die Beleidigungen nicht zu persönlich oder hat sich einfach entschieden, auf ihre Art damit umzugehen und zu leben. Im Zentrum wird sie Sabina genannt und sie benutzt diesen Namen auch, wenn sie die Teilnehmerlisten unterschreibt. Über ihre Schule haben wir aber herausgefunden, dass ihr eigentlicher Name Hadzira ist. Das Mädchen ist nach Simin Han gezogen und hatte sich für die erste Klasse angemeldet, aber aufgrund ihres Alters wurde sie zwei Monate später in die zweite Klasse geschickt. Trotz mangelnden Grundwissens aber durch großen persönlichen Einsatz und Unterstützung der Lehrkräfte konnte sie sich letztendlich sogar für die dritte Klasse anmelden.

Das Mädchen lebt zusammen mit ihren Eltern, die auf einem Markt arbeiten, um zu überleben. Es scheint, als müssten wir mehr mit jenen Kindern arbeiten, die nicht die Hauptcharaktäre dieser Geschichte sind, die aber von den Älteren schlechtes Benehmen vorgelebt bekommen und leider auch übernehmen. Was wir sehr beängstigend finden, ist die Tatsache, dass gewalttätiges Verhalten für die Kinder normal zu sein scheint. Kinder, die Misshandlungen ausgesetzt sind, verstecken ihre Gefühle, die Kinder, die sie ausüben, sind sich nicht bewusst darüber, wie sehr sie anderen damit weh tun.

Sabiha Rekic
Agora centre coordinator
Tuzla Community Foundation