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2020/2021

11. Januar

Rechtsextremismus-Experte dank CIVIS-Medienpreis: Im Gespräch mit Bastian Wierzioch

Sein Magazinbeitrag "Adrian Fischer: deutsch – schwarz – fremd" (MDR, 2004) gewann 2005 den CIVIS Radiopreis. Die Aufmerksamkeit, die damit verbunden war, führte dazu,
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11.01.2021

Rechtsextremismus-Experte dank CIVIS-Medienpreis: Im Gespräch mit Bastian Wierzioch

Sein Magazinbeitrag "Adrian Fischer: deutsch – schwarz – fremd" (MDR, 2004) gewann 2005 den CIVIS Radiopreis. Die Aufmerksamkeit, die damit verbunden war, führte dazu, dass sich der Reporter, Autor und Moderator Bastian Wierzioch seither in seiner Arbeit ganz dem Thema Rechtsextremismus in Ostdeutschland verschrieben hat. Realismus und leiser Optimismus liegen dabei eng zusammen, zeigt das Gespräch mit ihm.
Foto: OKAY 2018
"Es war pures Reporterglück", sagt Bastian Wierzioch über seinen Beitrag, mit dem er 2005 den CIVIS Radiopreis gewonnen hat. Weder ging ihm ein konkretes Vorhaben voraus noch eine gezielte Suche nach Protagonist*innen. Wierzioch traf Adrian Fischer, 16 Jahre alt, geboren und aufgewachsen in der Sächsischen Schweiz, Kind eines ehemaligen Vertragsarbeiters aus Mosambik und einer deutschen Mutter, zufällig, im Rahmen eines anderen journalistischen Auftrags. Der preisgekrönte Radiobeitrag "Adrian Fischer: deutsch – schwarz – fremd" ist Ergebnis eines spontanen Gesprächs mit Adrian am Elbufer, weil Wierzioch im richtigen Moment das richtige Gefühl hatte, sich sicher war "da muss was sein": Als Kenner der Sächsischen Schweiz, Hochburg der rechtsextremistischen Szene in Deutschland, konnte er sich nicht vorstellen, dass Adrian nichts zu erzählen hatte über Alltagsrassismus, über subtile und einschneidende Erlebnisse, die ihn spüren lassen, anders zu sein aufgrund seiner Hautfarbe. Zwar wiesen auch schon damals Studien auf eine weit verbreitete Ablehnungen von Migrant*innen, Geflüchteten und anderen vermeintlich nicht deutschen Menschen in der Gesellschaft hin, in den Medien, im öffentlichen Diskurs aber war Alltagsrassismus kein Thema.

"Adrians Mitbürger müssen nichts sagen, um ihm ein schlechtes Gefühl zu geben. […] Oft wird er einfach nur angestarrt. Manchmal wird eine Handtasche im Supermarkt demonstrativ vor dem 16-jährigen in Sicherheit gebracht", heißt es im Beitrag. Bis zu zwei oder drei Mal pro Tag höre er Beleidigungen: "Nigger, Neger, Affe. Der Katalog der Beschimpfungen ist lang." Physisch misshandelt wurde Adrian zwar bis dahin in seinem Leben noch nie, "[d]och immer, wenn Ausländer angegriffen werden in der Sächsischen Schweiz, immer dann wenn Zähne eingeschlagen, Rippen gebrochen und Zigaretten auf Menschenhaut ausgedrückt werden, immer dann denkt sich der deutsche Junge dasselbe: Bin ich das nächste Opfer?". Einige Jahre nach dem Beitrag zog Adrian Fischer nach Dänemark weiter, weiß Bastian Wierzioch heute über seinen ehemaligen Protagonisten - weil er es nicht mehr aushielt in der Sächsischen Schweiz.


"Expertenwerdung" durch den CIVIS-Preis

Bastian Wierzioch selbst hätte sich niemals um den CIVIS-Preis beworben, er "laufe keinen Preisen hinterher". Der Vorschlag, den Beitrag einzureichen, kam damals von einer Redakteurin des MDR. Die CIVIS-Medienstiftung zeichnet seit 1988 jährlich herausragende Beiträge aus Radio, Film, Fernsehen und Internet aus, die sich mit den Themen Migration, Integration und kulturelle Vielfalt auseinandersetzen. Über die Jahre hat sich der CIVIS-Medienpreis zu einer der renommiertesten europäischen Medienpreise in diesem Bereich entwickelt. Im Jahr 2020 wurden mehr als 900 TV-, Rundfunk- und Filmproduktionen aus 22 EU-Ländern und der Schweiz eingereicht. Einer seiner "stärksten beruflichen Momente" sei die Auszeichnung für ihn gewesen, sagt Bastian Wierzioch. Die Verleihung setzte aber noch viel mehr in Gang – eine Entwicklung, die er als "Phase des Expertenmachens" beschreibt: Die unzähligen Anfragen zu ganz unterschiedlichen Themen rund um Rechtsextremismus im Nachgang der Auszeichnung führten dazu, dass er sich in seiner journalistischen Arbeit bald nur noch auf diesen Bereich fokussierte: "Eine Dynamik, gegen die ich mich nicht gewehrt habe." In seinen Reportagen ging es seither um die NPD, um rechtsextreme Verstrickungen bei der Polizei, um Islamfeindlichkeit, um Bürgerwehren. Außerdem entstand 2007 der Dokumentarfilm "Ich lass mich nicht verjagen", in dem noch weitere schwarze Jugendliche – zumeist Kinder ehemaliger Vertragsarbeiter aus Ländern wie Mosambik oder Angola und deutscher Mütter – über ihr von Alltagsrassismus geprägtes Aufwachsen in Sachsen erzählen. Der Film wurde in vielen Kinos und bei zahlreichen Veranstaltungen gezeigt und entwickelte sich so zu einer noch größeren Plattform zur Sichtbarmachung und Diskussion von Alltagsrassismus als der vorausgegangene Radiobeitrag.

Wohl ist Bastian Wierzioch, aufgewachsen in Bayern, nicht erst durch den CIVIS-Preis auf das Thema Rechtsextremismus gestoßen, sondern hat sich damit kontinuierlich bereits seit 1998 journalistisch auseinandergesetzt. Als "Initialzündung" beschreibt er, damals junger Journalistik- und Politikstudent in Leipzig, die Kundgebung der NPD dort am 1. Mai mit tausenden Neonazis vor dem Völkerschlachtdenkmal. Sein Entsetzen darüber, wie sich Menschen - verbunden mit einer unverhohlenen Zustimmung zum Nationalsozialismus - in einer derartigen Gewaltbereitschaft über jeden gesellschaftlichen Grundkonsens hinwegsetzen, reicht noch viel weiter zurück. Bis irgendwann in die 1980er Jahre, als in Jugendclubs plötzlich "Skinhead"-Trupps mit Springerstiefeln aufschlugen und sein Interesse im Geschichtsunterricht für die historischen Zusammenhänge rund um Deutschlands dunkelstes Kapitel immer stärker wurde. Die Entscheidung für den Journalismus an sich wiederum kam zwar früh, war aber denkbar unpolitisch: Als Wierzioch im Teenager-Alter im Leichtathletik-Verein die Aufgabe zufiel, die neuesten Ergebnisse für die lokalen Tageszeitungen zusammenzufassen, stand sein zukünftiger Berufswunsch schnell fest.


"Medien sind keine Impfung"

Was hat sich getan seit 2004, als Adrian Fischer von seinem Alltag in Sachsen berichtete? Bastian Wierzioch beobachtet eine zweischneidige Entwicklung. Das Problem Rassismus habe sich mitnichten verflüchtigt, sondern sei – nicht nur, aber gerade auch in Sachsen - im Zuge einer Diskursverschiebung seit 2013 noch weiter in die Mitte der Gesellschaft vorgedrungen. Schlimmster Alltagsrassismus, der selbst vor Kindern keinen Halt mache, gehe von Personen aus, die mit größter Empörung reagieren würden, rückte man sie auch nur in die Nähe solcher politischer Tendenzen. Gleichzeitig zeigt sich für Wierzioch in Politik wie Gesellschaft durchaus eine wachsende Sensibilisierung. Eher aber würden ohnehin schon überzeugte Demokrat*innen gestärkt als Menschen mit festen Vorurteilen oder gar Fundamentalist*innen "geläutert".

Ebenso wenig illusorisch sieht der Journalist den Einfluss der Medien zur Überwindung von Rechtsextremismus. Auch wenn er einen großen Teil seiner beruflichen Motivation aus der Hoffnung zieht, möglichst viele Menschen aus der Mitte der Gesellschaft zu erreichen, dürfe vor allem keine "Eins-zu-eins-Wirkung" durch eine bestimmte Berichterstattung erwartet werden: Eine Reportage über Alltagsrassismus wirke nicht wie eine "Impfung", sondern Medien können gesellschaftliches Umdenken im besten Fall langfristig und prozessual anstoßen, die Gesellschaft bei ihrer Selbstverständigung unterstützen. Im rechtsextremistischen Milieu selbst führen kritische journalistische Auseinandersetzungen sogar eher zu einer weiteren Bestätigung und Abgrenzung: "Wenn du Fundamentalist bist, dann lässt du dich nicht anfechten."

Als Privatmensch ist es Bastian Wierzioch manchmal leid, in Sachsen zu leben. Als solcher will er oft einfach nur weg, den provinziell-rassistischen Sumpf, den "massiven Missstand", den er vielerorts wahrnimmt, hinter sich lassen. Als leidenschaftlicher Demokratieverfechter aber empfindet er Glück – darüber, dass er sich diesem Anliegen professionell und hauptberuflich verschreiben kann und nicht nur aus einem Ehrenamt heraus. Es gibt noch viele Themen, die Bastian Wierzioch unter den Nägeln brennen. Die Verstrickungen und Kooperationen mehrerer CDU-Verbände in Mitteldeutschland mit der AfD, zum Beispiel. Er wird dranbleiben – und vielleicht mit einer großen Undercover-Recherche ähnlich schonungslos wie schon 2004 den Finger in die tiefsten Wunden unsere Demokratie legen.

Gemeinsam mit der ARD, vertreten durch den WDR, hat die Freudenberg Stiftung die CIVIS Medienstiftung gegründet. Mit Bastian Wierzioch arbeitet die Freudenberg Stiftung auch in anderen Projektkontexten zusammen, aktuell im Rahmen einer Podcast-Reihe der Initiative "Zukunftslabor Ost". Bastian Wierzioch ist außerdem Jurymitglied beim Sächsischen Förderpreis für Demokratie.