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21 September

Jubiläum: 10 Jahre Mediendienst Integration

Der Mediendienst Integration blickt auf zehn Jahre Bestehen zurück. Als Informationsplattform für Journalist*innen zu den Themen Flucht, Migration und Diskriminierung trägt der Mediendienst seit 2012 zu einer sachlichen, faktenbasierten und
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21/09/2022

Jubiläum: 10 Jahre Mediendienst Integration

Der Mediendienst Integration blickt auf zehn Jahre Bestehen zurück. Als Informationsplattform für Journalist*innen zu den Themen Flucht, Migration und Diskriminierung trägt der Mediendienst seit 2012 zu einer sachlichen, faktenbasierten und vielschichtigen Migrationsberichterstattung bei. Was sich seither getan hat und welche neuen Herausforderungen hinzugekommen sind, diskutierten Vertreter*innen aus Medien, Politik und Wissenschaft am 21.09.2022 im Rahmen einer feierlichen Veranstaltung in Berlin.
Photo: Thomas Lobenwein/Media Migration Service
In der Geburtsstunde des Mediendiensts Integration beherrschten ebenso alarmistische wie wissenschaftlich unbelegte Behauptungen den Diskurs um die Einwanderungsgesellschaft. Gerade hatte Thilo Sarrazin mit seinen kruden Thesen weit in die bürgerliche Mitte hinein großes Echo gefunden. "Die Integration ist gescheitert", so der breite gesellschaftliche Konsens damals.

Dieser "Rückschritt" in der Migrationsdebatte führte aber auch zu zahlreichen Bewegungen, die sich diesem Klima entgegenstellten. Auch von der Politik wurde der dringende Bedarf nach einer sachlicheren, diverseren Debatte um Migration und Integration wahrgenommen und im Rahmen des Nationalen Integrationsplans schließlich die Gründung des Mediendiensts angeregt. Federführend aufgebaut hat den Mediendienst Integration Ferda Ataman, heute Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung. Träger wurde der Rat für Migration, der in dem Projekt früh eine Chance sah, wissenschaftliche Erkenntnisse in die Öffentlichkeit zu tragen und die mediale Dynamik "sich selbst verstärkender" Debatten zu brechen (Prof. Werner Schiffauer).

Was hat sich geändert?

Die gesellschaftlichen Herausforderungen sind heute noch größer als 2012, sagt Ataman im Gespräch mit Dr. Mehmet Ata, Leiter des Mediendiensts. Eine unübersichtliche "Kakophonie von Themen" präge heute den Migrationsdiskurs. Auch die Ansprüche an den Mediendienst sind mit immer schnelleren Debatten, aber auch einer größeren Expertise in den Redaktionen mit den Jahren gewachsen, so Ata, gleichzeitig aber auch dessen Möglichkeiten durch neue Formate und vermehrte Ressourcen.

Die Journalist*innen Shakuntala Banerjee (ZDF) und Pascal Thibaut (Radio France Internationale) blicken mit gemischten Gefühlen auf die Entwicklungen in der Migrationsberichterstattung. Nachdem sich 2015 zunächst die "Willkommenskultur" der Bevölkerung auch im Journalismus widergespiegelt hatte, der sich dann immer kritischer mit dem Thema auseinandersetzte, nahmen Migration und Integration als Medienthemen in den vergangenen Jahren deutlich ab, bedingt durch die Corona-Krise und der damit einhergehenden geringeren Zuwanderung. Aktuell, im Zeichen des Ukraine-Kriegs, steigt die Aufmerksamkeit für das Thema wieder. Dabei fällt auf, dass über die weißen, als "kulturell nah" wahrgenommenen Geflüchteten aus der Ukraine deutlich weniger problemfokussiert berichtet werde, merkt Shakuntale Banerjee an. Noch sei die Debatte um Migration nicht sehr angespannt, so Pascal Thibaut, der Fachkräftemangel in den Köpfen angekommen, die Arbeitslosenquote eher niedrig. Ein Klima, das aber schnell kippen könne, sollten etwa Fluchtbewegungen aus afrikanischen Ländern, ausgelöst durch die globale Nahrungskrise, wieder rapide zunehmen.

Fremd in der Heimat?

Die Journalist*innen Dunja Ramadan (Süddeutsche Zeitung) und Ferdos Foroudastan (CIVIS Medienstiftung), beide mit internationaler Familiengeschichte, tauschten sich in einem Briefwechsel im Süddeutschen Zeitung Magazin darüber aus, wie sie in Deutschland - dem Land, in dem sie ganz oder überwiegend aufgewachsen sind, leben und arbeiten - wahrgenommen werden, welche Erfahrungen sie mit Alltagsrassismus haben, wie sie auf die Migrationsdebatten blicken - und was all dies mit ihnen macht.

Ihre Perspektiven spiegeln auch den Blick zweier Generationen wider. Während Foroudastan, Jahrgang 1960, auch sieht, was sich in den vergangenen Jahrzehnten bereits verbessert hat und sich hoffentlich weiter verbessern wird, blickt Ramadan mit mehr Resignation auf den Umgang in Deutschland mit Menschen, die hier geboren und aufgewachsen sind und doch permanent das Gefühl erfahren, nicht so ganz dazuzugehören – wegen der Haarfarbe, des Nachnamens, der Religionszugehörigkeit. "Wie lange wollen wir uns noch im Kreis drehen?" fragt Ramadan, wenn die Anschläge in Hanau als "fremdenfeindliche" Angriffe "im kriminellen Milieu" abgetan werden und sich das Mitgefühl in Politik und Gesellschaft in Grenzen hält.

Fest steht also: Noch hat sich der Mediendienst Integration längst nicht überflüssig gemacht. Auch die Bundesbeauftragte für Integration und Antirassismus Reem Alabi-Radovan hält mit ihrer großen Begeisterung für das Angebot, das von ihrem Amt nicht nur finanziert, sondern auch in der täglichen Arbeit genutzt wird, nicht hinter dem Zaun. Sie gratuliert dem Mediendienst zu seiner hohen Strahlkraft in Medien, Wissenschaft und Politik und verspricht ihrerseits, auf Regierungsebene für eine moderne Gesetzgebung für die Einwanderungsgesellschaft einzutreten.

Die Freudenberg Stiftung schließt sich diesen Glückwünschen an und bedankt sich für die großartige Zusammenarbeit in den vergangenen zehn Jahren!

Die Freudenberg Stiftung unterstützt den Mediendienst Integration seit seiner Gründung im Jahr 2012. Auch der Rat für Migration (RfM), Träger des Mediendiensts, wird von der Freudenberg Stiftung gefördert.