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2018/2019/2020/2021

15 June

Ausgebrannt durch Engagement? Ein schriftlicher Dialog zwischen zwei Psychologists 4 Future

JS: Lieber Dominik, erst dieser Tage erreichte mich wieder die Anfrage eines jungen Aktivisten, der sich ausgebrannt fühlt. Die Generation, die heute um die 20 Jahre alt
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15/06/2021

Ausgebrannt durch Engagement? Ein schriftlicher Dialog zwischen zwei Psychologists 4 Future

JS:
Lieber Dominik, erst dieser Tage erreichte mich wieder die Anfrage eines jungen Aktivisten, der sich ausgebrannt fühlt. Die Generation, die heute um die 20 Jahre alt ist, hat das Gefühl, alle gesellschaftlichen Probleme auf einmal in die Hand nehmen zu müssen:
Klimakrise, Rassismus, Sexismus, Flüchtlingspolitik. Kein Wunder, dass da mitunter Überforderung auftaucht. Dabei höre ich häufiger die Erzählung, dass alle anderen Generationen keine Verantwortung übernehmen - oder zumindest nicht wirklich - und das, was eigentlich durch Erwachsene gelöst werden müsste, an jungen Menschen "hängen bleibt", die "eigentlich noch Kinder sind". Ich frage mich immer wieder, wie gültig dieses Narrativ eigentlich ist und ob andere Generationen nicht einfach einen anderen Weg und eine andere Perspektive haben, aus der heraus sie sich um die Transformation bemühen. Egal wie wahr es ist - hilfreich ist dieses Narrativ nicht, denke ich, denn es erschafft eine innere Wirklichkeit, die schnell zu sehr belastenden Gefühlen und zu Verzweiflung führt. Wie denkst du darüber? Vielleicht auch aus der Sicht der Tiefenpsychologie?

DO:
Das von Dir angesprochene Narrativ ist sicher eines, dass zu Verzweiflung und Spaltung beitragen kann, gleichzeitig aber auch stark mobilisiert und eine Aufbruchstimmung vermittelt. "Wir machen es ganz anders als Ihr" und "wir " grenzen uns dadurch auch von "Euch" ab. Hintergrund dieses Narrativ ist, denke ich, die tiefe Sehnsucht nach einer alternativen Möglichkeit miteinander zu leben und umzugehen, sowohl mit der Umwelt als auch mit den Mitmenschen. Wie gut, dass es diesen "jugendlichen" Impuls immer wieder gibt und er gesellschaftlich an Ideale und Werte erinnert. Neben den sehr sinnstiftenden Erfahrungen für etwas einzustehen und in einer Gruppe ähnlicher Gesinnung etwas zu bewegen, kann es da auch immer wieder die Erfahrung geben, nicht ernst genommen zu werden oder gegen Windmühlen zu kämpfen. Dies kann je nach persönlichem Hintergrund und eigenen Bewältigungsmechanismen auch zu dauerhafter Erschöpfung und extremer Überlastung führen. Deswegen ist es auch so wichtig, dass sich viele "Erwachsene" mit den FFF solidarisieren und sich neben, hinter oder ggf. vor die "jüngeren Aktivist*innen" stellen und ihre Erfahrungen und ihr Wissen mit einbringen für die notwendige soziale und ökologische Transformation. Unser Job als Psychologists 4 Future kann dann da sein, das Bewusstsein Für die Motivationen und emotionalen Prozesse im Umgang mit der Klimakrise und den Bereich der Selbstfürsorge für die Engagierten mit einzubringen. Und eine Stiftung, die politisches Engagement fördern will, könnte versuchen eben diese Aspekte mit zu berücksichtigen: Wie fördern wir Resilienz von jungen Menschen, die den Klimafakten und den von Dir angesprochenen gesellschaftlichen Herausforderungen ins Auge sehen.

JS:
Da stimme ich dir zu. So gesehen ist es natürlich wirklich unentbehrlich, dass es noch eine Generation gibt, die es wirklich wagt, von einer ganz anderen Welt, von einem ganz anderen Miteinander unter den Menschen und mit ihrer Umgebung zu träumen. Es ist schon toll, dass es wieder etwas gibt, wofür man miteinander einstehen kann. Als ich Studentin war, gab es scheinbar nichts zu bemängeln außer vielleicht der Bologna Reform. Der Klimawandel war schon da, aber wir waren irgendwie noch nicht so weit. Im Nachhinein habe ich das Gefühl, das war eine lasche Jugend. Das ist heute schon ganz anders und das finde ich toll- auch wenn die Kehrseite eine wirklich starke emotionale Belastung bei einigen ist. Mir macht es auch besonders Sinn, wenn wir uns als Psychologists 4 Future da mit unserem Hintergrund und unseren Kompetenzen einbringen können. Was würdest du sagen, welche Motivationen außer eben der, den Planeten zu retten, können denn bei jungen Aktivist*nnen noch eine Rolle spielen... und welche davon führen manchmal in die Sackgasse?

DO:
Vielmehr als den Planeten zu retten geht es vielen Aktivist*innen um Klimagerechtigkeit und die Auswirkungen des westlichen Lebensstils auf Menschen in der ganzen Welt, die sogenannten "most affected people and areas" (Mapas). Also gesellschaftlich ins Bewusstsein zu rufen wie privilegiert wir hier in diesen Breitengraden sind. Die Sackgasse diesbezüglich könnte sein, in einem Schuldgefühl stecken zu bleiben und sich abzuwerten für die eigenen Möglichkeiten oder eigene nicht ideale Verhaltensweisen, die Auswirkungen auf den Klimawandel haben. Neben dem äußeren gesellschaftlichen Wandel sind das Themen, die stark einen inneren Wandel mit ansprechen. Ich würde mir wünschen, dass das kein "Entweder oder" mehr ist, sondern ein "Sowohl als auch". Was meinst Du da aus systemischer Sicht dazu?

JS:
Das mit dem Schuldgefühl kann ich gut verstehen. Mich schockiert es irgendwie auch, wenn das Trinken eines Latte Macchiato mit Kuhmilch zu unermesslichen Gewissensbissen führt, wie ich es neulich im Gespräch mit einer Aktivistin gehört habe. Auf der anderen Seite frage ich mich auch, ob das jetzt nicht wieder "einen Aspekt rausgegriffen" bedeutet - letztlich besitzen alle Aktivist*nnen (inklusive mir) Smartphones und Laptops, über die sie sich vernetzen und organisieren, und deren Klimabilanz steht der Kuhmilch ja in nichts nach. Das macht mich dann schon skeptisch, beziehungsweise macht es deutlich, wie sehr wir alle auch irgendwie mit drin hängen in den Einladungen, aber eben auch Notwendigkeiten unseres Wohlstandes. Das ist vielleicht auch das systemische daran: einerseits verhaftet zu sein in einem komplexen globalen Gebilde, in dem man als Bewohner einer Industrienation von vorneherein eine gewisse Rolle spielt, aber auch eine gegenläufige Rolle zu den klassischen Verantwortlichen und Vertretern eben dieser Nation sucht. Die junge Generation repräsentiert eine Kehrseite derselben Heimat, die bislang unterbelichtet war. Und das ist gut und richtig so. Es kann und darf nicht anders sein. Auch systemisch finde ich an vielen Klimafragen, dass alles mit allem irgendwie zusammenhängt und fast keine Veränderung ohne Preis geschehen kann. Und in der Folge auch keine einfachen Lösungen auf dem Tisch liegen (was jedoch wiederum allzu oft als Ausrede benutzt wird, noch nicht einmal danach zu suchen). Zieht man an einem Ende der Tischdecke, rutscht sie am anderen Ende wieder weg. Wenn wir Elektromobilität fördern, brauchen wir ressourcenintensive Akkus, wenn wir nicht mehr wegfahren, können vom Tourismus lebende Regionen nichts mehr erwirtschaften, usw. Irgendwie sind wir Schuldige, Beeinflusste, Kritiker, Retter und Ausbalancierer in einem. Ich merke gerade, wie wenig ich eigentlich weiß, was jemand aus einem der "Mapa"-Länder zu all dem konkret sagen würde. Die Gegenüberstellung mit "Mapa"-Menschen findet vor allem in meinem Kopf statt, inklusive meiner westlich geprägten Denkweise. Auch hier ist das Problem halt schon wieder verdammt global.

DO:
Dein Aufzeigen der verschiedenen Rollen erinnert mich stark an das sogenannte "Drama-Dreieck" aus der Transaktionsanalyse. Darin wird erklärt, dass Menschen in bestimmten Systemen oder Spielen immer wieder zwischen den Rollen "Retter", "Täter" und "Opfer" hin- und her wechseln. Im Grunde genommen ist dies in jedem Kindergarten oder Kasperletheater zu beobachten. Bezüglich des Klimawandels müssen wir wohl als Gesellschaft erkennen, dass es sinnvoll ist, nicht in einer der Rollen zu verharren, sondern das ganze Spiel gemeinsam zu verändern.

JS:
Eine letzte Sache zum Thema systemisch fällt mir auch noch ein: in der systemischen Beratung versuchen wir, Probleme als Phänomene zu betrachten, die auch den Aspekt einer Lösung in sich tragen. Die Frage lautet dann: Für welches (übergeordnete) Problem ist dieses konkrete Problem eine Lösung (oder ein Lösungsversuch)? Das geht bis zu dem berühmten Satz: Die Probleme von heute sind die Lösungen von gestern. Wie wahr das sein kann, wurde mir in einer Ausstellung auf dem Feldberg im Schwarzwald bewusst. Da waren die heute bewaldetet Höhen auf Fotos aus dem aus dem 18. Jahrhundert zu sehen – kahl. Alles Holz war weg und wurde zum Heizen verbrannt. Auf illegales Brennholzsammeln stand die Höchststrafe. Das Entdecken fossiler Brennstoffe war damals die Lösung, die eine Wiederaufforstung erst möglich machte (aus dieser Zeit stammt übrigens auch der Begriff Nachhaltigkeit). Damals habe ich begriffen: frühere Generationen für ihr Handeln zu verurteilen, macht keinen Sinn.
Welche der heutigen Lösungen Probleme für morgen sein können, wissen wir nicht, wir müssen trotzdem heute danach suchen und können das Wagnis nicht aufschieben.


Im Dialog waren Judith Schmid und Dominik Ohlmeier, Psychologists/Psychotherapists4Future Regionalgruppe Heidelberg

www.psychologistsforfuture.org