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08 November

SPRACHE MACHT BILDUNG: Jahrestagung des Rats für Migration

Der Rat für Migration (RfM) veranstaltete am 7. und 8. November 2019 seine Jahrestagung in Berlin unter dem Titel Sprache Macht Bildung: Die Beiträge der beteiligten Wissenschaftler*innen beleuchteten aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven,
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08/11/2019

SPRACHE MACHT BILDUNG: Jahrestagung des Rats für Migration

Der Rat für Migration (RfM) veranstaltete am 7. und 8. November 2019 seine Jahrestagung in Berlin unter dem Titel Sprache Macht Bildung: Die Beiträge der beteiligten Wissenschaftler*innen beleuchteten aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven, inwiefern Sprache sowohl ein Mittel der Verständigung als auch der Ausgrenzung sein kann und welche Herausforderungen damit für die Migrationsgesellschaft und insbesondere für das Bildungssystem einhergehen.
Foto: Rat Für Migration
Migration und Sprache sind eng und auf vielfältige Weise miteinander verbunden. Nie war Migration diverser als heutzutage und entsprechend divers ist auch die Rolle der Sprache in Migrationsprozessen, stelle Prof. Dr. Sjaak Kroon (Tilburg University) in seiner Keynote heraus: Ob die Routenplanung via WhatsApp von Geflüchteten, (Online-)Sprachkurse oder die Berichterstattung über Ereignisse, die mit Migration in Verbindung gebracht werden: Sprache entscheidet über gesellschaftliche Teilhabe. Am deutlichsten zeigt sich dies mit Blick auf Bildung: Bildung ermöglicht Zugang zu Macht und Prestige, ist aber gleichzeitig ein wesentlicher Faktor für die Reproduktion von Ungleichheit.

"Bildungssprache" zwischen Ermächtigung und Ausschluss

Diese Ambivalenz lässt sich insbesondere anhand des Konzepts der "Bildungssprache" nachvollziehen (Prof. Dr. Hans-Joachim Roth, Universität Köln): Erstmals von Humboldt mit einem emanzipatorischen Grundgedanken eingeführt und maßgeblich durch das BLK-Programm "Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund" (FörMig) mit einer de-ethnisierenden Zielsetzung seit Anfang der 2000er Jahre im Kontext der sprachlichen Bildung in der Einwanderungsgesellschaft verankert, hat sich "Bildungssprache" zunehmend zu einem ausschließenden, normativ aufgeladenen Konzept entwickelt. Es wird eindimensional auf die deutsche Sprache bezogen und oft zur Legitimität von Segregation instrumentalisiert. Die am Panel beteiligten Wissenschaftler*innen forderten, sich wieder auf die ermächtigende Idee der "Bildungssprache" zu besinnen und ihrem sprach- und fächerübergreifenden Charakter, der Rolle der sozialen Schicht – anstatt der des "Migrationshintergrundes" – und der "Bringschuld" der Institutionen zur Vermittlung von Bildungssprache stärker in den Fokus zu rücken.

Migration thematisieren? Wenn ja, wie und wann?

Migration stellt bestehende Machtverhältnisse in Frage, zeigte auch Prof. Dr. Annette Treibel (PH Karlsruhe). Dabei lassen sich Pendelbewegungen zwischen Fortschritt und Rückschritt beobachten. Rassismus entwickelt sich nicht selten als Reaktion auf Erfolge der Migrationsbewegung, wie ein Kommentar aus dem Publikum mit Blick auf Kopftuchverbote für Lehrkräfte an bayerischen Schulen illustrierte. Dieser Widerstand gegen die Verschiebung von Machtbalancen und gegen die Akzeptanz von Migration als Normalität sei dabei das Problem  und nicht die Thematisierung von Migration per se, so Prof. Dr. Treibel.
"Migration" aber ist als (unspezifisches und oft ungewolltes) Label in Politik und Alltag omnipräsent: Aus Muslim*innen werden im öffentlichen Diskurs "Migrant*innen", aus "Islamwissenschaftler*innen" "Integrationsexpert*innen", auch wenn sie dies mitnichten sind: Vonnöten sei daher eine präzisere Reflexion, welches Merkmal in einem bestimmten Kontext tatsächlich eine Rolle spielt. Wenn von "Menschen mit Migrationshintergrund" die Rede ist, kann die Bezeichnung "Minorisierte" oder "Marginalisierte" treffender sein als die oftmals nicht vorhandene persönliche Migrationserfahrung (Prof. Dr. Riem Spielhaus). Ist Migration also ein "Begriffs-Elefant" (Dr. Linda Supik), der viel zu viele Debatten einverleibt?

Neue rechtliche Perspektiven für die Migrationsgesellschaft

Auch rechtliche Perspektiven kamen auf der Tagung zur Sprache, zum Beispiel durch RA Dr. Esther Weizsäcker, die die Chancen und Hürden für eine gesellschaftliche Teilhabe von Migrant*innen durch die Anerkennungsgesetze des Bundes und das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz diskutierte. An den oft langwierigen und umständlichen Anerkennungsverfahren zeigt sich, dass Menschen auch "die falsche Bildung" (Prof. Dr. Ursula Neumann) haben können. Verbesserungen bringt das neue Gesetz im Bereich der Anerkennung nichtakademischer Abschlüsse, nicht aber z. B. für Möglichkeiten eines sogenannten Spurwechsels aus dem Asylverfahren.

Prof. Dr. Stefan Oeter (Universität Hamburg) eröffnete eine neue Sichtweise, indem er zeigte, dass die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen Anregungen für den Umgang mit migrationsbedingter gesellschaftlicher Mehrsprachigkeit geben kann, zum Beispiel in der Verwaltungspraxis, den Medien oder in medizinischen und Alterseinrichtungen.

Das Refugee Teachers Program der Universität Potsdam, das geflüchtete Lehrer*innen zu Assistenzlehrkräften bzw. pädagogischen Unterrichtshilfen ausbildet, kann wiederum ein Modell dafür sein, wie angesichts des Lehrermangels, vieler qualifizierten zugewanderten Pädagog*innen und des zunehmenden Bedarfs an herkunftssprachlichem Unterricht an Schulen aus der Not eine Regel werden könnte.
Fest steht, wie Prof. Dr. Stefan Oeter auf den Punkt brachte: Mehrsprachigkeit ist empirisch da und wird es bleiben. Die Gesellschaft muss sich also der Frage des Umgangs mit ihr stellen und das bestehende Paradigma, das Mehrsprachigkeit als Anormalität auffasst, grundlegend ändern.


Die Freudenberg Stiftung unterstützt den Rat für Migration seit seiner Gründung 1998. Der Rat für Migration ist Träger des Mediendienst Integration, einer Informations-Plattform für Medienschaffende zu den Themen Migration, Integration und Asyl in Deutschland.

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