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10 Oktober

Antiziganismus im Fokus: Filmpremiere "Zigeuner-Boxer" mit Diskussion

Der Kurzfilm "Zigeuner-Boxer" feierte am 10. Oktober im Rahmen einer Kooperationsveranstaltung des COMMUNITYartCENTERmannheim und RomnoKher anlässlich der Mannheimer einander.Aktionstage im – unter Corona-Bedingungen ausgebuchten – Kino Atlantis
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10/10/2020

Antiziganismus im Fokus: Filmpremiere "Zigeuner-Boxer" mit Diskussion

Der Kurzfilm "Zigeuner-Boxer" feierte am 10. Oktober im Rahmen einer Kooperationsveranstaltung des COMMUNITYartCENTERmannheim und RomnoKher anlässlich der Mannheimer einander.Aktionstage im – unter Corona-Bedingungen ausgebuchten – Kino Atlantis Premiere. Er thematisiert die Geschichte des Boxers Johann Willhelm Trollmann, der als Sinto 1944 im Konzentrationslager ermordet wurde. Anschließend diskutierten Regisseurin und Drehbuchautorin Annette Dorothea Weber, Prof. Dr. Elizabeta Jonuz (Hochschule Hannover) und Daniel Strauß (Verband Deutscher Sinti und Roma) unter Moderation von Dr. Pia Gerber, Geschäftsführerin der Freudenberg Stiftung, zum Hintergrund des Films und zu Antiziganismus, der längst nicht mit dem Nationalsozialismus zu Ende ging.
Foto: COMMUNITYartCENTERmannheim
Johann Wilhelm Trollmann, "Rukeli" genannt, war ein Ausnahmetalent des deutschen Boxsports. Das Publikum liebte ihn für seinen ganz eigenen, tänzelnden Stil. Als Sinto wurde er jahrelang ausgegrenzt und diskriminiert und 1944 schließlich im KZ Wittenberge ermordet. Die Wiederanerkennung seines Deutschen Meistertitels, der ihm 1933 kurz nach der Verleihung unter einem Vorwand entzogen wurde, erfolgte posthum erst im Jahr 2003.

"Das spricht Bände", so Regisseurin und Drehbuchautorin Annette Dorothea Weber. Antiziganismus ist nach wie vor tief in der deutschen Gesellschaft verankert, wird aber nur wenig thematisiert. Die späte politische Anerkennung des Völkermordes an den Sinti und Roma im Nationalsozialismus im Jahr 1982 ist ebenso Ausdruck und Folge der jahrhundertelangen systematischen Ausgrenzung und Verfolgung wie die heute immer noch benachteiligte Bildungssituation von Sinti und Roma oder eine sich hartnäckig haltende diskriminierende Alltagssprache, z. B. der Gebrauch des Begriffs "Zigeuner", erläuterte Daniel Strauß.

Wie bei anderen Formen von Rassismus geht es bei Antiziganismus im Kern um die eigene Aufwertung durch die Abwertung der Anderen, so Prof. Dr. Elizabeta Jonuz. Und auch im Gewand einer vermeintlich positiven Haltung gegenüber Sinti und Roma ("Philoziganismus"), oft in Form romantisierender Zuschreibungen wie etwa in unzähligen deutschen Volksliedern, werden ebenso Stereotype und Vorurteile transportiert.

Der Film "Zigeuner-Boxer" lenkt auf eindringliche Weise den Blick auf uns alle, auf die Mehrheitsgesellschaft. Erzähler ist der fiktive "Hans", vermeintlich ein Freund Trollmans, der vor einem Untersuchungsrichter aussagen und Erinnerungen wachrufen muss, die er am liebsten selbst vergessen würde. Zeuge des Unrechts, das Trollmann zugefügt wurde, war Hans oft – eingestanden für ihn ist er nie.

Annette Dorothea Weber hat nach dem gleichnamigen Theaterstück von Rike Reiniger zunächst das Klassenzimmerstück "Zigeuner-Boxer" inszeniert und dafür 2016 den Lars-Day-Preis erhalten. Die Diskussionen, die das Stück mit den Schüler*innen auslöste zu Sinti und Roma, aber auch zu anderen Formen von Ausgrenzung und Rassismus und die eigene Rolle dabei, zeigten sein großes Potenzial für die politisch-historische Bildung in der Schule. Während des Corona-Lockdowns entstand auf Grundlage des Theaterstücks das komprimierte filmische Kammerspiel, das ab sofort zusammen mit pädagogischem Begleitmaterial auf dem YouTube-Kanal des COMMUNITYartCENTERmannheim zur Verfügung steht.

"Den Film hätte ich schon vor zwanzig Jahren gebraucht", war eine Reaktion aus dem Publikum, das die Möglichkeit zum Mitdiskutieren und Fragenstellen engagiert und aus ganz unterschiedlichen Perspektiven annahm.

Die Premiere zeigte bereits, dass der Film dazu beitragen kann, die Leerstelle, die bislang in der Auseinandersetzung mit Antiziganismus herrscht, zu füllen und das Thema in die Schulen und in die Mitte der Gesellschaft zu holen. "Genau die richtige Länge, die passende Form und zahlreiche Anknüpfungspunkte für eine Diskussion mit Schüler*innen: Großartig," so ein anwesender Lehrer.

Gerade weil sich in den letzten Jahren sogar eine Zuspitzung antiziganistischer Diskriminierung und Gewalt beobachten lässt, ist dies umso wichtiger und macht Mut – ebenso wie eine Generation junger Sinti und Roma, die sich zunehmend selbstbewusst als politische, künstlerische oder intellektuelle Akteur*innen empowert und für ihre gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe eintritt.

Zum Film "Zigeuner-Boxer" inklusive Begleitmaterial für Pädagog*innen geht es hier.


Der Kurzfilm "Zigeuner-Boxer" wurde mit Mitteln des Aktionsfonds "Zivilgesellschaftliches Engagement gegen Rechtsradikalismus, Muslimfeindlichkeit, Antisemitismus und Antiziganismus" der Stadt Mannheim gefördert. Die Freudenberg Stiftung unterstützt das COMMUNITYartCENTERmannheim zusammen mit der Stadt Mannheim, der Heinrich-Vetter-Stiftung, der BT Spickschen Stiftung und den Open Society Foundations und engagiert sich in zahlreichen Projekten mit Sinti und Roma für deren gleichberechtige gesellschaftliche Teilhabe.