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26 November

Körper und "Rasse": Jahrestagung des Rats für Migration 2021

Wie schon im vergangenen Jahr widmete sich die digitale Jahrestagung des Rats für Migration vom 24.-26.11.2021 dem Thema Rassismus, dieses Mal mit einer verstärkt europäischen Perspektive und einem Schwerpunkt darauf, welche Rolle Körper und
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26/11/2021

Körper und "Rasse": Jahrestagung des Rats für Migration 2021

Wie schon im vergangenen Jahr widmete sich die digitale Jahrestagung des Rats für Migration vom 24.-26.11.2021 dem Thema Rassismus, dieses Mal mit einer verstärkt europäischen Perspektive und einem Schwerpunkt darauf, welche Rolle Körper und Körperlichkeit für die Äußerungsformen, das Erfahren und die Reproduktion von Rassismus spielen. Außerdem stand die Frage im Fokus, wie politische Bildung aussehen muss, damit der tief verankerte Rassismus in der Gesellschaft wieder "verlernt" werden kann.
Europa und seine Grenzen sind kein objektiver geografischer Fakt, sondern basieren auf rassistischen, soziopolitischen und geopolitischen Ordnungen (Prof. Dr. De Genova). Rassistische Imaginationen an Europas Grenzen sind schon aus dem Mittelalter bekannt (Prof. Dr. Claudia Bruns) und auch der Kapitalismus Europas seit dem 18. Jahrhundert war überhaupt nur durch Eroberung, Versklavung und Kolonialherrschaft möglich und ist heute noch abhängig von einem "postkolonialen Regime der Überlegenheit" (Prof. Dr. De Genova). Ungeachtet dieser historischen Kontinuität wurde Rassismus insbesondere in Deutschland lange Zeit auf die Gräueltaten im Nationalsozialismus reduziert und weder gesellschaftlich noch in der akademischen Forschung thematisiert. Dies ändert sich erst langsam, zuletzt verstärkt durch die Ermordung George Floyds. Indem die Tagung die Logiken hinter ganz verschiedenen Erscheinungsformen von Rassismus an unterschiedlichen Orten und Zeiten beleuchtet, will sie einen Beitrag dazu leisten, diesen effektiv zu bekämpfen, betont Prof. Dr. Yasemin Karakaşoğlu in ihrer Eröffnung für den Rat für Migration.

Grenzen & Rassismus

Für die liberalen Gesellschaften Europas stellt sich das Problem, dass ihr Selbstverständnis zentral darauf basiert, nicht rassistisch zu sein (Dr. Arshad Isakjee). Rassistische Gewalt äußert sich daher häufig in institutionalisierter Gewalt und lässt sich als solche nicht immer enttarnen (Prof. Dr. De Genova) oder wird durch eine Strategie der Externalisierung legitimiert, wie sich gegenwärtig an Europas Außengrenzen zeigt. Narrative über Rasse, über vermeintlich unzivilisierte Menschen jenseits der europäischen Grenzen, stellen dann ein essenzielles Mittel der Entmenschlichung dar (Prof. Dr. Sabine Hess) und stärken zugleich die europäische Macht und Identität (Dr. Karolına Augustova).

Schon jeher erwies sich eine medikalisierte Form des Rassismus als besonders wirksam, um die imaginären sozialen Grenzziehungen, auf denen nationale Grenzen basieren, natürlich und notwendig erscheinen zu lassen. Ob auf Ellis Island, der früheren Sammelstelle für Einwanderungswillige in die USA, während der globalen Ebola-Panik 2016 und zuletzt der Corona-Krise, in der schnell vom "chinesischen Virus" die Rede war und osteuropäische Arbeiter*innen verdächtigt wurden, die Krankheit zu verbreiten: Durch die Exotisierung von Infektionskrankheiten kann die eigene Zivilisation untermauert und die Rückständigkeit von Migrant*innen als gefährliche "Invasor*innen" vermeintlich belegt werden (Dr. Sevasti Trubeta).

Normalfall Rassismus

Rassismus äußert sich längst nicht immer so gewaltsam wie aktuell an Polens, Kroatiens oder Griechenlands Grenzen, sondern ist viel häufiger ganz "banal" und unsichtbar (Prof. Dr. Paul Mecheril). Benachteiligungen im Bildungssystem etwa, denen Rassismen zugrunde liegen, werden oft als "Klassenproblem" verschleiert (Dr. Eddie Bruce-Jones). Als tabuisiertes Phänomen verschwindet Rassismus mithin unter dem Deckmantel der "Vielfalt" bzw. des "Multikulturalismus", wie Assoc. Prof. Dr. Tobias Hübinette am Beispiel Schwedens zeigt, dem "farbenblindesten Land Europas". In Belgien wiederum sind Haushaltshilfen aus Polen besonders gefragt, zeigt die Forschung von Dr. Anna Safuta, obwohl vor dem Hintergrund der kolonialgeschichtlichen Vergangenheit des Landes auch andere Herkunftsstaaten naheliegend wären. Die Belgier*innen, so Dr. Safuta, bevorzugen ein Arbeitsverhältnis, das zwar eine implizite Hierarchie enthält, ohne aber ihre Privatsphäre für eine Person öffnen zu müssen, die sie als zu anders und fremd empfinden.

Rassismus als ein Verhältnis von Machtbeziehungen ist also erschreckend wandelbar über Orte und Zeiten hinweg und schreibt sich tief in die gesellschaftliche Normalität ein. Er bietet einfache Erklärungsmuster, und hat institutionelle, diskursive und sogar gewaltvolle Folgen. Rassismus ist häufig nur einer von mehreren Aspekten in komplexen Konstellationen und schwer zu beweisen (Prof. Dr. Manuela Bojadzijev), überlappt sich in verschiedenen Wissensformen und -ebenen, ist bewusst oder unbewusst (Dr. Serhat Karakayali). Wie also können wir als Gesellschaft Rassismus verlernen?

Rassismus & politische Bildung: Wie Rassismus verlernen?

Entscheidend ist, das viele vorhandene Wissen über Rassismus in vermittelbares Wissen zu übersetzen, betont Karima Benbrahim. Häufig erreiche die politische Bildung gerade diejenigen, die bereits informiert und zu reflektiertem Denken fähig sind und ist oft erkennbar von top-down-Ansätzen geprägt. Daher müssten diverse und niedrigschwellige Formate für Menschen entwickelt werden, die nicht freiwillig Bildungsveranstaltungen besuchen und mithin rassistische Einstellungen haben, so auch Prof. Dr. Anja Besand, die etwa in der Region Dresden in Hundeschulen mit den Menschen dort über Rassismus spricht. Viele Menschen haben Angst, als "rassistisch" zu gelten und verstricken sich in Abwehrmechanismen, beklagen dann z. B. "Rassismus gegen Weiße" (Karima Benbrahim). Wirksame politische Bildung muss also kontextbezogen und zielgruppenspezifisch sein, an die jeweiligen Wissensbestände zu Rassismus der Adressat*innen anknüpfen, neue Räume und Ansätze - auch außerhalb der Schule - erschließen (Karima Benbrahim, Prof. Dr. Anja Besand) und dabei vermeiden, gar selbst ungewollt Rassismen zu reproduzieren, wie vielfach z. B. über Schulbücher geschehen (Prof. Dr. Anja Besand). Gehandelt werden müsse jetzt, denn es sei zwar möglich, rassistisch eingestellte Menschen zu erreichen, aber "es kann auch zu spät sein", so Prof. Dr. Anja Besand mit Blick auf bestimmte Milieus, die aktuell u. a. durch die Querdenken-Bewegung an Aufwind gewinnen.

Gerade weil sich Rassismus alltäglich und banal und mitnichten immer extremistisch und gewaltvoll äußert, müsse die politische Bildung Konzepte für eine Re-Sensibilisierung für diese "stille Norm" (Dr. Susanne Illmer) unserer Gesellschaft entwickeln. Auch die Betroffenenperspektive gehöre in der Bildungsarbeit stärker in den Fokus gerückt, z. B. über die Zusammenarbeit mit Selbstorganisationen, und überhaupt kritisch hinterfragt, welches Wissen über Rassismus bislang in der politischen Bildung anerkannt und welches unsichtbar gemacht wurde.

Zu letzterem zählt in der deutschen politischen Bildung insbesondere auch erlebtes Wissen, also in unsere Körper transgenerational eingeschriebene Erfahrungen. Dabei könne die Einbeziehung der somatischen Ebene neue Wege in der politischen Bildung, z. B. in der Erinnerungsarbeit, eröffnen (Prof. Dr. Anja Besand/Karima Benbrahim). Bislang wird diese in der politischen Bildung im deutschen Kontext kaum berücksichtigt – eine Leerstelle, die u. a. auf historische Ursachen zurückgeht und auch im Beutelsbacher Konsens, den Grundsätzen der politischen Bildung, durch das sogenannte Überwältigungsverbot bestärkt wird. Diese Grundsätze gelte es aber zu überdenken, anstatt einer ohnehin nicht möglichen "Neutralität" sollte die politische Bildung eher ein Haltungsbewusstsein vermitteln (Karima Benbrahim). Gerade weil etwa im schulischen Kontext der zeitliche Spielraum der politischen Bildung derart knapp ist und die Heranwachsenden in ihrem Alltag weitaus mehr Gelegenheiten zu rassistischem Lernen ausgesetzt sind, müsse weniger auf kognitives Wissen als auf "Interventionen" gesetzt werden, die die Menschen wirklich "erfassen" (Prof. Dr. Anja Besand).

"Die rassismuskritisch informierte politische Bildung hat noch etwas zu lernen", schlussfolgerte Prof. Dr. Paul Mecheril aus der Diskussion. Er und Prof. Dr. Yasemin Karakaşoğlu verabschiedeten sich zugleich mit Ende der Tagung aus dem Vorstand des Rats für Migration. Die Freudenberg Stiftung dankt beiden sehr herzlich für ihre engagierte und wegweisende Arbeit in dieser Rolle und wünscht auch den nachfolgenden Vorständ*innen Prof. Dr. Vassilis Tsianos und Dr. Noa K. Ha viel Erfolg!

Zum Programm der Jahrestagung hier


Die Jahrestagung fand in Kooperation mit dem Deutschen Hygiene-Museum in Dresden statt und wurde durch die Bundeszentrale für politische Bildung gefördert. Gerahmt wurde sie von dem gemeinsam in Dresden veranstalteten Kunst- und Kulturfestival "Rassismus verlernen". Die Freudenberg Stiftung unterstützt den Rat für Migration seit seiner Gründung 1998 sowie den von ihm getragenen Mediendienst Integration.