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27 April

Romnja* und Sintizze* Power im Haymatministerium

Das "Haymatmuseum", eine Veranstaltungsreihe des Nationaltheaters Mannheim rund um die (post-)migrantische, diverse Gesellschaft, stand am 27.04.2023 unter dem Motto Romnja* und Sintizze* Power. Anlässlich des jährlichen Romnja* Power Month und in
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27/04/2023

Romnja* und Sintizze* Power im Haymatministerium

Das "Haymatmuseum", eine Veranstaltungsreihe des Nationaltheaters Mannheim rund um die (post-)migrantische, diverse Gesellschaft, stand am 27.04.2023 unter dem Motto Romnja* und Sintizze* Power. Anlässlich des jährlichen Romnja* Power Month und in Kooperation mit dem Landesverband Deutscher Sinti und Roma Baden-Württemberg (VDSR-BW) diskutierten Isidora Randjelović (RomaniPhen), Slavica Husseini (VDSR-BW) und Sandra Selimović (Schauspielerin/Künstlerin) über die Herausforderungen und Potenziale von Frauen* aus der Minderheit und die Rolle feministischer und aktivistischer Initiativen. Moderiert wurde der Abend von Verena Lehmann (VDSR-BW).
Photo: Freudenberg Foundation
Diskriminierungserfahrungen, oder die Angst davor, kennen sie alle. "Sag' bloß niemandem, dass du Romni bist", wurde Sandra Selimović und Slavica Husseini von ihren Eltern bei der Einschulung eingeschärft, obwohl sie zu Hause immer stolz auf ihre Romani Identität gewesen waren. Erst mit Mitte 30 outete sich Slavica Husseini, aufgewachsen als Kind serbischer "Gastarbeiter" in Deutschland. Die jahrhundertelange Ausgrenzung der Minderheit in allen europäischen Ländern sitzt tief und wird transgenerational weitergegeben.

Die rassistischen Vorurteile und Stereotype spiegeln sich in allen gesellschaftlichen Bereichen wider. Ob in Kunst und Film, wo Romnja* die Rollen von Bettlerinnen oder Prostituierten zugewiesen werden, oder der Wissenschaft, wo es Gadje, Nicht-Rom*nja, sind, die - auch für Romani Themen - stets als Expert*innen wahrgenommen werden. Dem setzen heute viele mutige, engagierte Aktivistinnen* aus der Minderheit in zahlreichen (queer-)feministischen Initiativen etwas entgegen.

Role Models für selbstbewusste Romnja*

Vor allem braucht es positive Role Models, sind sich die Diskutantinnen einig. Besonders wichtig ist dies für queere Romnja*, die mit Vorurteilen und Diskriminierung aus der Mehrheitsgesellschaft und der eigenen Community zu kämpfen haben.

Solche Vorbilder können aus dem Bereich der Kunst kommen, wie es die queere Schauspielerin, Regisseurin und Sängerin Sandra Selimović mit ihrem feministischen Romatheaterverein Romano Svato verfolgt und damit "Aufklärungsarbeit über Kunst" betreibt. Sie will erreichen, dass Kunst über Rom*nja auch von Rom*nja gemacht wird und erzählt, wie empowernd es von Rom*nja wahrgenommen wird, wenn auf der Bühne Menschen wie sie auf Romanes performen.

Aber auch auf ganz niedrigschwelliger Ebene können starke Frauen als Vorbilder Romnja* dabei unterstützen, die eigenen Potenziale zu erkennen und an sich zu glauben, weiß Slavica Husseini aus ihrer Beratungs- und Bildungsarbeit in Mannheim. Als erfolgreiche Romni, die Beruf und Familie vereinbaren konnte, wurde sie selbst von den Frauen in Sprach- und Berufsberatungskursen als ein solches Rollenmodell wahrgenommen. Elternarbeit an Schulen und die Geschichte der Sinti*zze und Rom*nja als verbindlichen Lehrplaninhalt zu verankern, hält sie für besonders wichtig, um Diskriminierung bereits in der Schule entgegenzuwirken und es Rom*nja später zu erleichtern, auch im Beruf selbstbewusst zu ihrer Herkunft zu stehen.

Isidora Randjelović, Geschäftsführerin von RomaniPhen, einer feministischen Selbstorganisation für Wissens- und Kulturproduktion, liegt es am Herzen, auch starke Romnja aus der Geschichte stärker sichtbar zu machen und jungen Rom*nja als Vorbilder nahezubringen. So arbeitet RomaniPhen gerade die Biografie der polnischen Widerstandskämpferin Alfreda Noncia Markowska in einem Theaterstück auf. Alfreda Noncia Markowska rettete während der nationalsozialistischen Verfolgung mehr als 50 Kinder vor der Ermordung. Dies gelang Alfreda Noncia Markowska nur, weil sie auf Romani spezifische Netzwerke und Ressourcen zurückgreifen konnte - Strategien, die durch jahrhundertelange Verfolgung herausgebildet wurden.

Noch wird die Arbeit der feministischen Aktivistinnen* aus der Minderheit durch strukturelle rassistische Gewalt immer wieder ausgebremst: Erst Anfang des Monats wurde die politische Journalistin Elena Sirbu, die zuvor am Telefon Romanes gesprochen hatte, am Flughafen in der Republik Moldau am Einsteigen gehindert und konnte nicht am Netzwerktreffen von RomaniPhen teilnehmen. RomaniPhen macht sich gemeinsam mit Amnesty International nun dafür stark, dass dieser Vorfall auf staatlicher Seite nicht folgenlos bleibt.

Beendet wurde die Veranstaltung mit einem Monolog aus dem Theaterstück "Roma Armee" und Rap-Songs auf Romanes von Sandra Selimović. Die Energie und das Selbstbewusstsein, die sie transportierte, machen Mut, dass sich in Zukunft noch mehr Romnja*, die keinen Klischees entsprechen, Gehör verschaffen werden.

Die Freudenberg Stiftung engagiert sich seit ihrer Gründung gegen Antiziganismus und für die Rechte und das Empowerment von Sinti*zze und Rom*nja. Sie unterstützt die feministische Selbstorganisation RomaniPhen und hat 2007 gemeinsam mit dem VDSR-BW und der Gesellschaft für Antiziganismusforschung die gemeinnützige RomnoKher GmbH gegründet. Die Studie "(Un)sichtbare Erfolge. Bildungswege von Sintize und Romnja in Deutschland" von Elizabeta Jonuz und Jane Weiß (2020) hat die Freudenberg Stiftung initiiert und finanziert. Darüber hinaus arbeitet sie bundesweit mit einer Vielzahl von Selbstorganisationen aus der Minderheit zusammen und fördert gleichberechtigte Bildungs- und Lebensperspektiven von Rom*nja in Bosnien.