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16 Januar

Kritisches Denken im Fokus: Jahreskonferenz der Academy in Exile

"Dire Times: Critical Thinking Then and Now" war der Titel der Jahreskonferenz der Academy in Exile (AiE) am 16./17. Januar 2020 an der Freien Universität Berlin. Internationale Wissenschaftler*innen unterschiedlicher Disziplinen diskutierten über
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16/01/2020

Kritisches Denken im Fokus: Jahreskonferenz der Academy in Exile

"Dire Times: Critical Thinking Then and Now" war der Titel der Jahreskonferenz der Academy in Exile (AiE) am 16./17. Januar 2020 an der Freien Universität Berlin. Internationale Wissenschaftler*innen unterschiedlicher Disziplinen diskutierten über kritisches Denken in "finsteren Zeiten": Wie und wo ist akademische Freiheit in Gefahr und welche Handlungs- und Ausdrucksformen gibt es, um diesen Entwicklungen entgegenzuwirken?
Foto: Freudenberg Stiftung
Was einst Theodor W. Adorno, Hannah Arendt und viele andere bedeutende Wissenschaftler*innen des 20. Jahrhunderts auf der Flucht vor dem Nationalsozialismus im Exil erlebten, wiederholt sich aktuell angesichts der Zunahme von Autoritarismus und Antiliberalismus weltweit. In unterschiedlichen Ländern – sei es Brasilien, Ungarn oder die Türkei – mit ihren jeweils eigenen historischen, sozialen und geografischen Voraussetzungen zeigen sich regionale Formen einer wachsenden nationalkulturellen Ausrichtung von Diskursen und Institutionen und die damit einhergehenden schwindenden Räume für kritisches Denken, Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit, so Prof. Dr. Kader Konuk, Direktorin der AiE und Leiterin des Instituts für Turkistik der Universität Duisburg-Essen.

Damals wie heute sind Strategien, um mit der existenz- und identitätsbedrohenden Situation umzugehen - darunter insbesondere die Bildung von Diaspora-Gemeinschaften - von elementarer Bedeutung für die Wissenschaftler*innen im Exil. Genau daran knüpft die Academy in Exile (AiE) an. Die gemeinsame Initiative des Instituts für Turkistik der Universität Duisburg-Essen, des Kulturwissenschaftlichen Instituts in Essen, des Forums für Transregionale Studien in Berlin und der Freien Universität Berlin ermöglicht bedrohten Wissenschaftler*innen seit 2018, ihre wissenschaftliche Arbeit gerade unter den besonderen - in mancher Hinsicht auch ermöglichenden - Bedingungen des Exils in Deutschland fortzusetzen und bei der Weiterentwicklung von Wissenschaft im Exil mitzuwirken. Organisiert wurde die diesjährige Konferenz von Prof. Dr. Vanessa Agnew (UDE/ANU), Prof. Dr. Kader Konuk und Prof. Dr. Susanne Zepp-Zwirner (FU).

Der Blick in die Geschichte: Zwischen Verständnis der Gegenwart und politischer Instrumentalisierung

"Dire times are not new", betonte Arien Mack, Professorin an der geschichtsträchtigen New School for Social Research in New York. Gegründet 1919 von einer Widerstandsgruppe pazifistischer Intellektueller, bot sie während des Naziregimes als erste "University in Exile" vielen deutsch-jüdischen Wissenschaftler*innen Schutz vor Verfolgung und entwickelte sich zur Heimat für kritisches und progressives Denken. Zu ihren Absolvent*innen und Dozent*innen zählen renommierte Wissenschaftler*innen wie Hannah Arendt oder Claude Lévi-Strauss. In jüngster Gegenwart gründete die New School for Social Research aus dieser Tradition heraus das New University of Exile Consortium, ein Netzwerk von Universitäten, das ins Exil gezwungene Forscher*innen aus aller Welt Unterstützung bietet.

Nicht nur diese teils verblüffenden historischen Parallelen zeigen: Die Gegenwart kann nur über die Geschichte verstanden werden. Aber auch die Geschichte wird immer aus der Gegenwart betrachtet, ist also situiert und anfällig für politische Instrumentalisierung. Kritische Historiker*innen werden daher in autoritären Regimen besonders eingeschüchtert und in ihrer Arbeit behindert. Ihrerseits setzen antidemokratische Machthaber*innen auf ausgewählte historische Begebenheiten und Epochen, wie im Fall der Türkei das Osmanische Reich, um über eine verherrlichte gemeinsame Vergangenheit ein starkes Nationalbewusstsein zu etablieren und die Bevölkerung zu emotionalisieren. In der Türkei trug zudem ein "Kollaps der Institutionen" seit den 1980er Jahren dazu bei, dass Raum für progressives Denken und alternative Formen der Geschichtsschreibung zunehmend wegbrach und der Weg in eine "post-faktische Gesellschaft" geebnet wurde.

Auch Polen und seine Aufarbeitung der polnisch-jüdischen Vergangenheit ist ein Beispiel dafür, wie eine Zeit der offenen Debatte einer wachsenden Geschichtsbesessenheit von Rechtsnationalen wich, im Zuge derer kritische historische Zugänge zunehmend als "Pädagogik der Schande" diffamiert wurden. Diese Entwicklung gipfelte 2018 in der Erlassung des sogenannten Holocaust-Gesetzes, das die Andeutung einer Komplizenschaft Polens während der nationalsozialistischen Besatzung unter Strafe stellt. Das Polin-Museum der Geschichte der polnischen Juden in Warschau, das seit seiner Eröffnung im Jahr 2014 für einen besonders gelungenen Umgang mit der schwierigen polnisch-jüdischen Geschichte stand und sich gegen dieses Gesetz wandte, wurde seither zur Zielscheibe zahlreicher Attacken rechtsnationaler Politiker*innen und zum Ausdruck einer sich verschärfenden gesellschaftlichen Spaltung des Landes (Dariusz Stola, PAN).

Academia "on sale"?

Auch neoliberale Marktlogiken wirken, oft Hand in Hand mit der Politik, auf die Freiheit von Forschung und Lehre ein. So sind die massenhaften Entlassungen von Wissenschaftler*innen in der Türkei nicht allein mit politisch-ideologischen Interessen begründbar, treibende Kräfte sind auch Wirtschaft und Arbeitsmarkt (Bülent Eken, KWI).

Ein ganz anderes Beispiel für eine marktwirtschaftliche Einflussnahme auf die Wissenschaftsfreiheit bietet Australien, wo in wachsendem Ausmaß zahlkräftige chinesische Studierende - umworben von Hochschulen und weitgehend unkritisch verfolgt von der Öffentlichkeit - die universitäre Lehre beeinflussen, akademische Qualitätsstandards untergraben und Kontrolle über ihre chinesischen Kommiliton*innen ausüben.

Das drängende Problem sind dennoch weniger chinesische Studierende als die Frage, wie sich die Wissenschaft im öffentlichen Diskurs verteidigen lässt angesichts der Tatsache, dass sich in vielen Ländern der Welt eine Ernüchterung und Abkopplung breiter Bevölkerungsteile zum akademischen Milieu bemerkbar macht. Denn der Mehrwert, den Universitäten und insbesondere Geistes- und Sozialwissenschaften generieren, ist indirekt. Kritische Stimmen gegenüber staatlicher (ausländischer) Einflussnahme im Universitäts- oder Bildungsbereich haben es dementsprechend schwer, sofern diese mit wirtschaftlichem Profit einhergeht (Paul Pickering, ANU).

Literatur und Kunst als Ausdrucksformen kritischen Denkens

Auch die Literatur ermöglicht Zugangs- und Ausdruckformen kritischen Denkens. Am Beispiel der Erzählung "Emma Zunz" von Jorge Luis Borges zeigten der Rechtswissenschaftler Klaus Hoffmann-Holland und die Literaturwissenschaftlerin Susanne Zepp-Zwirner, wie mit literarischen Mitteln das Bewusstsein für Ambiguität und Ungewissheit gestärkt werden kann. Übertragen auf die Wahrheitsfindung in juristischen Kontexten, zum Beispiel auf das Konzept von "Schuld", lässt sich so das Verständnis dafür schärfen, dass auch Rechtsprechung immer subjektiv, partiell, provisorisch und politisch ist.

Am Berliner Gorki-Theater hinterfragt derzeit Necati Öziris kolonialkritisches Stück "Die Verlobung in St. Domingo – Ein Widerspruch" vermeintlich eindeutige Positionen, die Heinrich von Kleist in seinem Werk aufmacht, und regt damit zur Reflexion über gegenwärtige Formen von Gewalt und Gegengewalt an. Die Kostprobe der Schauspielerin Maryam Abu Khaled ermöglichte den Teilnehmenden der Konferenz neben intellektuellen auch künstlerische Zugänge zu kritischem Denken zu finden und erinnerte gleichzeitig daran, dass nicht nur Wissenschaft, sondern auch Kunst in autoritären Regimen weltweit bedroht wird.

Auswege aus "finsteren Zeiten"?

Welche Wege gibt es, um Raum für kritisches Denken, Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit zurückzugewinnen? Sind überhaupt Handlungsformen denkbar, die nicht von Anfang an kompromittiert sind, indem sie genau das System bestätigen, das die Probleme hervorgebracht hat? Während Nishant Shah (ArtEZ) am Beispiel von "Grumpy Cat", der ewig missgelaunten YouTube-Katze, analysierte, wie Paranoia und totale Verweigerung gerade Möglichkeiten zur Reflexion und radikal neuen Ausdrucks- und Sprechformen eröffnen können, vermochte der Ansatz der "Ausweglosigkeit als Ausweg aus der Krise" die Teilnehmenden nicht recht zu überzeugen. Sie plädierten mehrheitlich für die Entwicklung von hoffnungsvollen gesellschaftlichen Imaginationen, für starke Institutionen und für echte Solidarität mit den Betroffenen anstatt schweigender Komplizenschaft mit autoritären Regimen. Kritisches Denken in Zeiten einer von politischen und kapitalistischen Kräften bedrohten Wissenschaft bedeutet also allen voran, Alternativen zu einer gleichgeschalteten Wissensproduktion zu entwickeln und öffentliche Räume zu behaupten, um diese Ideen zu diskutieren und zu verbreiten.


Die Freudenberg Stiftung fördert die Fellowships für aktuell zwei Wissenschaftler*innen am Forum für Transnationale Studien Berlin und der Freien Universität Berlin.

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