Journal
2019 ... 2018 ... 2017 ... 2016 ... 2015 ... 2014 ... 2013 ... 2012 ... 2011 ... 2010
31 März

Eröffnung der Temporären Galerie IV in Ein Quadratkilometer Bildung Berlin-Neukölln - Weiterführendes

Ende 2014 ist es die japanische Künstlerin Tomoko Sauvage aus Paris, die hier Klanginstallationen aus Eis, geknüpften Netzen und Porzellan präsentiert.
Das Eis, in den Netzen frei schwingend, schmilzt in feinen Tropfen in Porzellanschüsseln und verändert so langsam den ...read more
×
31/03/2015

Eröffnung der Temporären Galerie IV in Ein Quadratkilometer Bildung Berlin-Neukölln - Weiterführendes

Ende 2014 ist es die japanische Künstlerin Tomoko Sauvage aus Paris, die hier Klanginstallationen aus Eis, geknüpften Netzen und Porzellan präsentiert.
Das Eis, in den Netzen frei schwingend, schmilzt in feinen Tropfen in Porzellanschüsseln und verändert so langsam den Ton, der dort auf der Wasserfläche mit jedem Fall, mit jedem neuen Wellenkreis leise entsteht. Es ist ein Werk, an dem die Kinder des Viertels vielerlei lernen und in Workshops ausprobieren: Wie entstehen Eisblöcke in solcher Form, Größe und Festigkeit? Wie lässt sich Klang aus Wasser und Zuhören erzeugen? Wie ist es überhaupt mit dem Stillwerden und auf-einen-Ton-Warten? Wie ist es mit dem Sich-Wundern und Fragen-Stellen in einem Viertel, das mit widerstreitenden Antworten gepflastert zu sein scheint? Der Zauber der Vergänglichkeit, einer Kunst, die sich selbst verzehrt, langsam auflöst und allmorgendlich mit dem Einhängen frischer Eisblöcke neu beginnt – diese unerwartete Schönheit zieht auch andere an und lockt Passanten, durch die großen Fenster zu schauen und einzutreten. Ein junger Mann kommt jeden einzelnen Tag, um eine Weile auf einem der Hocker zu sitzen und die Weite des Raums in sich aufzunehmen, den Schutz sich verändernden Wassers und seines sphärischen Widerhalls zu genießen. Auf der Rütlistraße, mitten im sogenannten sozialen Brennpunkt.

Die Neuköllner Komponistin Heidrun Schramm, die zusammen mit den Lehrerinnen während der Ausstellung mit den Schülern arbeitet, erzählt von den Anfängen und von der Unsichtbarkeit des Erfolgs. Die Kinder, so sagt sie, waren von dem ihnen so bekannten und nun plötzlich im Licht des Eises neu (er)scheinenden Raum zu Beginn fasziniert und irritiert. Sie setzten sich auf die Hocker, doch sie konnten die Musik des Wassers nicht hören. Zu laut war es in ihnen und zwischen ihnen. Zugang fanden sie dann über die Mikrophone, die in die Porzellanschüsseln getaucht waren und die Töne in den Raum hinein trugen. Das Interesse an der Technik und das eigene Experimentieren mit verschiedenen Aufnahmemethoden und selbstgebauten Kontaktmikrophonen wurden zum Schlüssel der Veränderung. Für die Künstlerin selbst war das nicht einmal sehr spürbar, erzählt sie, bis zum Schluss brachten die Kinder vor allem ihr Temperament in die Workshops ein. Die Lehrerinnen waren die ersten, die es sahen: im Unterricht hatte sich etwas gewandelt. Sie kamen zurück in die Galerie und berichteten der Künstlerin, wie sie die Kinder nach den Workshops in der Klasse erlebten: Sie konnten sich länger konzentrieren, hörten einander und ihnen aufmerksamer zu und strahlten die Entspannung des Kunstraumes in ihrem Schulalltag wider. Es hatte sich etwas gewandelt – doch es war nicht zeitgleich und aus der direkten Nähe sichtbar. Die Erwachsenen brauchten das Gespräch miteinander, die Perspektive der anderen, um es zu erfahren.

Dies ist es, was die Temporäre Galerie bewirkt: So wie sie die Kinder zur Ruhe anregt, bringt sie die Erwachsenen über neue Entdeckungen und gemeinsame Erfolge ins Gespräch. Und sie erzeugt Konflikte, die die offenen Wünsche und Lücken des Zusammenlebens im Stadtteil sichtbar machen. Zur Finissage sollten die Kinder mit der in den Workshops choreographierten und geprobten Performance, mit ihren eigenen Klängen auftreten, vor Eltern, Mitschülern, Nachbarn und Gästen aus ganz Berlin. Doch es war nicht leicht, einen Zeitpunkt dafür zu finden: An einem Freitag sollte sie stattfinden, für die Eltern möglichst nach 17 Uhr, für die Schule am liebsten bis 16 Uhr. Natürlich – Eltern müssen arbeiten und dann einen Arbeitsweg zurücklegen, der in Berlin gut eine Stunde dauern kann; die wenigsten Chefs werden für einen solchen Anlass Zugeständnisse machen. Und die Lehrerinnen und Lehrer wollen ihren eigenen Arbeitstag nicht zu weit in den Abend ausdehnen, denn sie haben selbst Familien und weitere Aufgaben, die zu Hause auf sie warten.

Ein schier unlösbarer Konflikt und einer, der ganz alltäglich und an allen Schulorten zu finden ist. Der Unterschied ist hier: Er entzündet sich nicht an der Schule. Es ist nicht der Lehrer, der ein dringendes Elterngespräch ansetzt, oder die Mutter, die die Lehrerin wiederholt zu Hause beim Abendessen anruft. Es ist eine Galerie, ein Ort der Kunst, der zur gemeinsamen Finissage lädt. Und die Erziehungspartner fragen sich gegenseitig, wie es dem anderen am besten passt. Ida Schildhauer, die Initiatorin und Kuratorin der Temporären Galerie, sagt darüber: „Da mischen wir uns nicht ein, wir geben keine Uhrzeit vor. Wir schaffen den Anlass und richten uns nach der Zeit, die Eltern und Lehrer wählen – doch wählen und sich einigen müssen sie selbst. Denn das ist es genau, was wir wollen: dass solche Konflikte auf den Tisch kommen und jeder in seiner Rolle als Mutter, Vater, Lehrerin, Erzieher wahr- und ernst genommen wird.“

Die Verhandlung über etwas scheinbar so Geringfügiges wie den Beginn der Performance der gemeinsamen Kinder ist Zeichen eines Umgangs miteinander, wie ihn die Partner in und um die Rütlischule pflegen und der auf die Kinder abfärbt: Sie wachsen im Zentrum eines Beziehungsnetzes auf, das nicht an ihnen zerrt, sondern in dem sich Lehrerinnen, Eltern, externe Berater, Künstlerinnen und Erzieher gegenseitig unterstützen. Dies wirkt nicht nur auf die Kinder, es verändert in seiner Folge auch den Stadtteil. (Auch hier ist es nicht sofort und nicht aus nächster Nähe zu erkennen.) Der Rütlikiez ist heute mehr als der Ort eines zunehmend berühmten Schulcampus, mehr als ein Lernort. Er ist ein Ort, in dem ungewohnte, teilnehmende und anerkennende Fragen gestellt werden können. Was bedeutet es für Lehrerinnen und Lehrer, mit Kindern einen großen Teil ihres Tags, ja ihres Lebens zu verbringen und dann nach Hause in einen anderen Stadtbezirk zu fahren, wie es für viele Pädagogen in der Großstadt Normalität ist? Was bedeutet es für Eltern, nach einem vollen Arbeitstag oder einem Tag verzweifelter Jobsuche dabei sein und hören zu können, wie ihre Kinder die Stille entdecken und einen Raum der Meditation mit ihren eigenen Klängen produzieren?

Diese Fragen kann die Galerie nicht beantworten; und sie will es auch nicht. Die Galerie macht die Fragen hörbar, aber sie nimmt den Beteiligten nicht das Recht, sich selbst und gemeinsam auf die Suche nach Antworten zu machen – und dabei zu experimentieren, zu stolpern und es weiter zu probieren. Die Finissage mit Tomoko Sauvage und Heidrun Schramm findet am Nachmittag statt, und einige Eltern haben es geschafft zu kommen, andere nicht, und wieder andere hat es noch nicht genug interessiert. Viele Lehrerinnen wiederum sind mit ihrer Familie gekommen und haben die eigenen Kinder, Partner und Freunde mit zur Finissage gebracht. Die Galerie ist damit ein Zeichen dessen, was der Quadratkilometer um die Rütlistraße heute auch ist: ein Lebensort, ein Kiez, in dem zusammen zu leben sich für alle Beteiligten lohnt und den sie gemeinsam gestalten, über Unterrichtsstunden und -räume hinaus. Denn die, die da sind, Eltern, Lehrerinnen, Hallenwart und der junge Mann, der alltäglich hier meditiert, sprechen angeregt miteinander: über die Kunst, die Naturwissenschaft und die Technik. Sie tauschen sich aus und verstehen ein Stück besser, was das Eis so stark und fragil macht und was die Kinder in der Schule und was sie abends in der Familie erleben und lernen.
Die Galerie hat dafür den Anlass geschaffen, sie macht die Lücken zwischen dem Wollen und dem Hinkriegen sinnlich erfahrbar und ermutigt zu ihrer Überwindung, sie holt Kunst von Weltrang in einen Berliner Kiez, der sich einen ambivalenten Namen gemacht hat. Vor allem aber stellt sie die Kinder in den Mittelpunkt und verbindet und würdigt alle ihre Bezugspersonen, all jene, die sich in ihrem Aufwachsprozess engagieren. Sie ist ein Begegnungsangebot für Kinder und Erwachsene, an dem Kultur und Kunst und Lernen verschmelzen. Sie bewirkt, dass die neugierige Besucherin der Finissage sich danach zur Stadtbezirksbibliothek auf den Weg macht und so lange sucht, bis sie sie endlich findet.

Britta Kollberg, März 2015

Weitere Informationen finden Sie HIER

TRANSFORMATION III - Tomoko Sauvage, Installationsansicht Temporäre Galerie in der Quartiershalle Campus Rütli - CR², 2014 / Foto: Jens Ziehe