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20 September

Verleihung des Kultur- und Ehrenpreises der Sinti und Roma

Der Landesverband Deutscher Sinti und Roma Baden-Württemberg (VDSR-BW) verlieh am 20.09.2022 im Rahmen seiner Romno Power Kulturwoche in Mannheim den jährlichen Kultur- und Ehrenpreis der Sinti und Roma. Für ihr ganz unterschiedliches herausragendes
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20/09/2022

Verleihung des Kultur- und Ehrenpreises der Sinti und Roma

Der Landesverband Deutscher Sinti und Roma Baden-Württemberg (VDSR-BW) verlieh am 20.09.2022 im Rahmen seiner Romno Power Kulturwoche in Mannheim den jährlichen Kultur- und Ehrenpreis der Sinti und Roma. Für ihr ganz unterschiedliches herausragendes Engagement gegen Antiziganismus bzw. rassistische Ausgrenzung und Gewalt und für die Belange der Minderheit ausgezeichnet wurden Andreas Freudenberg, Christian Rosenberg und Dr. Iulius Rostas. Für die musikalische Untermalung sorgte das Sunny Franz Duo.
Photo: VDSR-BW
Am 20. September 1407 wurden in Hildesheim Sinti und Roma auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands erstmals urkundlich erwähnt. An diesem Jahrestag vergibt der Landesverband Deutscher Sinti und Roma Baden-Württemberg seit 2014 seinen Kultur- und Ehrenpreis an Persönlichkeiten, die sich auf herausragende Weise für die Minderheit einsetzen. Damals in Hildesheim wurden die Sinti und Roma herzlich willkommen geheißen – der Preis soll ein Zeichen dafür setzen, diesen Geist auch in die heutige Gesellschaft mitzunehmen, wünscht sich Daniel Strauß, Vorstandsvorsitzender des VDSR-BW, in seinem Grußwort.

Christian Rosenberg: Aktivist für gleichberechtigte Bildungschancen

Christian Rosenberg hat sich als Angehöriger der Minderheit seit 2001 als Initiator und Geschäftsführer des Sinti-Vereins zur Förderung von Kindern und Jugendlichen e. V. in Hamburg für eine bessere Bildungsteilhabe von Sinti*zze und Rom*nja eingesetzt. Es ist ihm in diesen über 20 Jahren gelungen, u. a. mit Schul- und Kita-Begleitung durch dafür qualifizierte Fachkräfte aus der Hamburger Community und zuletzt durch die Einrichtung eines Familienberatungszentrums für nachhaltige strukturelle Veränderungen und Aufklärung in den Hamburger Schulen, aber auch für Ermutigung der durch eigene Rassismus-Erfahrungen belasteten Familien zu sorgen. Seinem Engagement ist zu verdanken, dass in Hamburg auf diese Weise signifikante Verbesserungen der Bildungschancen für die unterstützten Kinder erreicht wurden. Mittlerweile ist der von ihm gegründete Verein anerkannter Träger der Jugendhilfe, der dank seiner Erfolge regelmäßige Förderung durch den Hamburger Senat erhält.

In seiner Laudatio hebt Strauß hervor, dass Christian Rosenberg es als Nachkomme von NS-Verfolgten geschafft habe, "aus dem Erbe der Ausgrenzung herauszutreten". Die Entwicklung des Sinti-Vereins zur Förderung von Kindern und Jugendlichen e.V. sei eine beispiellose Erfolgsgeschichte, die zeige, was engagierte Persönlichkeiten der Minderheit aus eigener Kraft erreichen könnten. Dabei habe Rosenberg immer auf Unterstützung statt Separation gesetzt und dabei auch, aber nicht nur mit Menschen aus der Minderheit zusammengearbeitet.
Es sei ihm stets darum gegangen, den destruktiven Kreislauf aus gesellschaftlicher Ausgrenzung und mangelnder Bildung zu unterbrechen, so Christian Rosenberg selbst. Das dauerhafte Engagement aller Beteiligten habe sich gelohnt und ebenso die finanzielle Förderung durch den Senat. "Ich sehe in unseren Menschen das große Potenzial, ich sehe sie als Rohdiamanten."

Andreas Freudenberg: Gemeinsamer Kampf für eine freie Gesellschaft

Andreas Freudenberg, Kuratoriumsvorsitzender der Freudenberg Stiftung, wird für seine jahrzehntelange wegweisende politische und kulturelle Bildungsarbeit zugunsten der Minderheit geehrt. "Der Name Freudenberg hat in der Community einen hervorragenden Ruf", betont Laudator Romeo Franz, Europaabgeordneter und Generalsekretär der Bundesvereinigung der Sinti und Roma. Daran habe Andreas Freudenberg großen Anteil, der sich seit Stiftungsgründung im Kuratorium dafür einsetzte, dass das Engagement mit und für Sinti*zze und Rom*nja fester Bestandteil des Stiftungsprogramm wurde. Sein Wirken reiche aber schon weiter zurück. Bereits zur Gründung des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma Anfang der 1980er Jahre habe er als Studienleiter der Evangelischen Akademie Bad Boll und später als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Gründungsinitiative des Dokumentations- und Kulturzentrums maßgeblich beigetragen. Später machte sich Andreas Freudenberg als Leiter der Werkstatt der Kulturen der Welt in Berlin und dann als Gründer und Geschäftsführer der Global Music Academy und der Global Music School im kulturellen Bereich für Gleichberechtigung und Vielfalt stark.
Mit Leidenschaft arbeite er an der Verwirklichung von innovativen Ideen, die das Potenzial haben, die Gesellschaft gerechter und demokratischer zu machen - stetig, aber immer unaufgeregt, würdigt Romeo Franz.

Andreas Freudenberg selbst zieht drei wesentliche Erfahrungen aus seinem langjährigen Engagement. So sei es traurige Tatsache, dass die Bekämpfung von Antiziganismus und anderen Formen von Rassismus nach wie vor immer von den Betroffenen selbst angestoßen werden müsse. Dies jedoch, so Freudenberg weiter, kann ihnen allein nicht gelingen. Sie brauchen starke Verbündete - wie etwa Stiftungen und andere zivilgesellschaftliche Organisationen -, die den Kampf gegen jegliche Benachteiligung von Minderheiten als Teil eines gemeinsamen Einsatzes für eine starke demokratische Kultur und ein Leben in Freiheit und Frieden betrachten.

Als Drittes betont Andreas Freudenberg, dass der Kampf gegen Antiziganismus und jeglichen Rassismus nicht nur mit politischen Mitteln gefochten werden könne, sondern dass es auch um einen "Kulturkampf" gehe; um Einfluss und Deutungsmacht in Sprache, Geschichte, Künste und Medien. Gerade darum sei das Engagement von Organisationen wie RomnoKher oder der Hildegard Lagrenne Stiftung, aber auch vielen anderen Aktivist*innen aus den diversen Gruppen so wichtig.

Dr. Iuilius Rostas: Vorreiter der Antiziganismusforschung

Antiziganismusforscher Dr. Iulius Rostas wurde für seine herausragenden wissenschaftlichen Verdienste, die er immer eng mit bürgerrechtlichen Zielen in Bezug setzt, ausgezeichnet. Der Politikwissenschaftler hat an der Central University in Budapest das erste Department für Romani Studies gegründet. Nachdem das Department 2019 von Präsident Orbán geschlossen wurde, lebt Rostas heute im wissenschaftlichen Exil in Berlin, was ihn nicht daran hindert, seine Forschung mit ungebremster Begeisterung und akademischer Brillanz fortzuführen. Aktuell hat er eine Gastprofessur an der National University of Political Studies and Public Administration in Bukarest inne. Auch an der RomnoKher-Bildungsstudie 2021 wirkte er mit. Als "idealen Bürger" einer weltumspannenden "Gelehrten-Republik", in der nicht die Herkunft, sondern nur das bessere Argument zähle, bezeichnet ihn Laudator Dr. Tim Müller, wissenschaftlicher Leiter des VDSR-BW.

Und doch ist Rostas' Botschaft ganz einfach. Das Schlaueste, was er jemals zum Thema Antiziganismus gehört habe, komme von seiner damals vierjährigen Tochter. Gefragt, was sie davon halte, wenn Rom*nja getrennt von anderen Kindern unterrichtet würden, sagte sie: "Das wäre sehr langweilig." Antiziganismus ist also, wie alle anderen Formen von Ausgrenzung und Rassismus, nicht nur "Gift für unsere Gesellschaft" und entmenschlicht die Betroffenen - er macht unser Leben auch: langweilig.

Die Freudenberg Stiftung gratuliert allen Preisträgern ganz herzlich zu ihrer ehrenvollen Auszeichnung und wünscht ihnen weiterhin viel Kraft und Erfolg bei ihrem wichtigen Engagement!



Die Freudenberg Stiftung engagiert sich seit ihrer Gründung 1984 gegen Antiziganismus und für die Rechte und das Empowerment von Sinti*zze und Rom*nja. Sie hat 2007 gemeinsam mit dem VDSR-BW und der Gesellschaft für Antiziganismusforschung die gemeinnützige RomnoKher GmbH gegründet und arbeitet heute bundesweit mit einer Vielzahl von Selbstorganisationen zusammen.