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18.10.2018

Exile and Academic Freedom Today: Internationale Konferenz der Academy in Exile am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen

Populismus und Anti-Intellektualismus sind weltweit auf dem Vormarsch, zivilgesellschaftliche und akademische Handlungsräume werden in vielen Staaten zunehmend eingeschränkt. Mit der Konferenz Exile and Academic Freedom Today am 18. und 19. Oktober 2018 initiierte die gemeinsam mit dem Institut für Turkistik der Universität Duisburg-Essen (UDE), dem Kulturwissenschaftlichen Institut Essen und dem Forum Transregionale Studien in Berlin gegründete Academy in Exile einen Dialog darüber, wie die globale akademische Community mit dieser Krise umgehen und "Wissenschaft im Exil" als akademisches, politisches und gesellschaftliches Thema gestärkt werden kann.
Die Academy in Exile richtet sich mit ihrem Stipendienprogramm zwar an bedrohte Wissenschaftler*innen aus der Türkei, wo sich die Situation unter Präsident Erdogan seit der Petition "Wir werden nicht Teil dieses Verbrechens sein" (2016) gegen die Offensive in den von Kurden bewohnten Gebieten und dem Putsch-Versuch im selben Jahr dramatisch verschärft hat, jedoch ist die Lage in anderen Staaten nicht weniger alarmierend: In Polen wurden seit 2015 im Eilverfahren neue Hochschulgesetze erlassen, die u. a. die Forschung schwächten und die Unabhängigkeit der Fakultäten stark einschränkten, Ungarn entzog dem Studienfach Gender Studies in diesem Jahr die Anerkennung und drängte die Open Society Foundations ins Exil. In Deutschland versucht die AfD derzeit, eine Kultur des Denunzierens zu etablieren, indem sie Schüler*innen aufruft, Lehrpersonen zu melden. Wohl waren Intellektuelle autoritären Regimen schon immer ein Dorn im Auge und Universitäten als mögliche Keimzellen von Rebellion gefürchtet, aber die Geschichte lehrt uns, so die Leiterin der Academy in Exile Prof. Dr. Kader Konuk, wachsam zu sein: Die nationalsozialistische Vernichtungsmaschinerie begann u. a. mit dem gegen Juden und Sozialist*innen gerichteten "Berufsbeamtengesetz" von 1933, dem 1935 das "Gesetz über die Entpflichtung und Ersetzung von Hochschullehrern aus Anlass des Neuaufbaus des deutschen Hochschulwesens" folgte, auch für den Genozid am armenischen Volk bildeten Razzien gegen die intellektuelle Elite 1915 den Ausgangspunkt.

Die zunehmend anti-liberale und anti-intellektuelle politische Stimmung in der Türkei wirkt dabei wechselwirksam mit anderen Diskriminierungsmerkmalen zusammen. Die Benachteiligung der kurdischen Bevölkerung in der Türkei zeigt sich zum Beispiel auf einem Blick mit der geringen Anzahl der Universitäten im Südosten des Landes und den geringen Output, der von diesen wenigen Universitäten ausgeht. Auch Wissenschaftler*innen, die sich mit LGBTQ-Lebensformen identifizieren, sind derzeit in der Türkei besonderen Risiken ausgesetzt, führte der Beitrag von Rüstem Ertuğ Altınay (Universität Wien) vor Augen. Während in der zutiefst homophoben türkischen Gesellschaft Universitäten lange ein Refugium für queere Menschen waren und ihnen internationale Mobilität und Status ermöglichten, der ihnen in der Gesellschaft ansonsten verwehrt blieb, sowie sie in die Position versetzten, selbst aktiv Wissen zu produzieren anstatt als "Kuriosum" das Objekt von Wissen zu sein, wurde dieser Schutz- und Möglichkeitsraum durch die Politik Erdogans massiv eingeschränkt.

Was verteidigen wir, wenn wir die "akademische Freiheit" verteidigen?

Die Beschneidung der akademischen Freiheit geht zwar mit der existenziellen Bedrohung einzelner Wissenschaftler*innen einher, darf jedoch nicht als Menschenrechtsverletzung oder Verletzung demokratischer Prinzipen verkürzt beziehungsweise missverstanden werden, betonte Prof. Dr. Andreas Niederberger vom Fachbereich Philosophie der UDE: Da "Meinungen" in der Wissenschaft keine gültigen Argumente seien, dürfe "akademische Freiheit" nicht mit individueller "Meinungsfreiheit" gleichgesetzt werden, sondern ist vielmehr als eine epistemische Forderung zu verstehen, die Grundbedingung für einen bestimmten Wissensbegriff ist und uneingeschränkte Forschung und kritisches Denken als Wert in sich versteht.

Gleichzeitig ist akademische Freiheit aber keine universelle Kategorie, sondern eine politische Idee, in der ein bestimmtes Machtverhältnis zwischen Staat und Academia ausgehandelt wird. Der Versuch einer Theoretisierung des Begriffs ""Freiheit" zeigt, dass Freiheit ein stark mit Werten aufgeladener Begriff darstellt, der nur empirisch, nicht analytisch bestimmt werden kann. Bislang konnte nicht einmal auf europäischer Ebene eine gemeinsame Definition von "akademischer Freiheit" durchgesetzt werden und auch die bestehende internationale Menschenrechtsgesetzgebung bietet nur wenige, vor allem keine rechtlich bindenden Referenzen. Gerade aber in diesen Lücken, so Katrin Kinzelbach vom Global Public Political Institute in Berlin, kann aber das Potenzial für einen neuen Diskurs über die Bedeutung von akademischer Freiheit im 21. Jahrhundert liegen, u. a. mit dem Ziel, empirisch begründete standardisierte Kriterien für Verletzungen der akademischen Freiheit zu entwickeln, um einen internationalen Vergleich zu ermöglichen.

Neue Perspektiven auf das (akademische) Exil

Die Erfahrung des Exils hat die Arbeit vieler großer Wissenschaftler*innen wie Hannah Arendt, Edward Said oder Erich Auerbach entscheidend geprägt und afrikanischen Schriftsteller*innen wie Chinua Achebe und Ayi Kwei Armah ermöglicht, ihre kolonialen Erfahrungen fiktional zu verarbeiten und postkoloniales Denken, sowohl im Herkunfts- als auch im aufnehmenden Land, entscheidend weiterzuentwickeln. "In the world through which I travel, I am endlessly creating myself", schreibt Franz Fanon in Black Skin, White Mask, Theodor W. Adorno verbindet mit dem Exil sogar eine moralische Forderung: "It is part of morality not to be at home in one‘s home". Es ist sicher wichtig, das Exil nicht zu romantisieren und stets in einen bestimmten historischen Kontext zu verorten. Aber die theoretischen Überlegungen, die sich auf frühere Formen des Exils bezogen, können dennoch fruchtbar für die Auseinandersetzung mit der Bedeutung von Exil heute sein. Was bleibt ist die Sprache, sagte Hannah Arendt in einem Interview 1964. Arendt hatte sich im Exil eine nicht-territoriale Identität geschaffen, die sich einzig auf ihre deutsche Muttersprache bezog. Die Erfahrung von Arendt drängt für die Gegenwart die Frage auf, ob Soziale Medien – abgesehen davon, dass sie oft die sicherste Möglichkeit der Kommunikation darstellen – dieses Gefühl einer Zugehörigkeit und Verortung unabhängig der Muttersprache kreieren können. Durch Emojis und international verständliche Abkürzungen hat sich im digitalen Raum eine Interimssprache entwickelt, die es ermöglicht, auch komplexe oder persönliche Inhalte wie Gefühle ausdrücken zu können, ohne der jeweiligen Landessprache mächtig zu sein (Prof. Nora Seni, The French Institute of Geopolitics, Paris).

Ebenso reflektierte Prof. Volker Heins (Universität Duisburg-Essen) in Anlehnung an die Theorie des Philosophen Albert Hirschmann über die Rolle, die die neuen Medien im Exil haben können und welche neue Bedeutungen für das Exil dadurch einhergehen. Während Hirschmann die "art of voice", die Kunst des kreativen Verhandelns in verbliebenen Handlungsspielräumen der Möglichkeit des Exils als Weg, mit Unterdrückung umzugehen, dahingehend bevorzugte, dass sie Wandel eher ermöglichte als eine Flucht ins Exil, argumentierte Heins, dass einerseits durch neue digitale Ausdrucksformen Menschen auch im Exil kreative Möglichkeiten entwickeln können, ihre Stimme gegen autoritäre Regime zu erheben und Widerstand zu leisten, und andererseits Menschen auch in ihrem Herkunftsland im "Exil" leben können, wenn sie dort kein Gefühl des Zuhause-Seins mehr empfinden können.
Exil und "Heimat", so zeigen die Beiträge und auch z. B. Ansätze der Feministischen Theorie, waren nie, und sind es gegenwärtig noch weniger, trennscharfe Kategorien. Wenn wir über Unterstützungsmöglichkeiten für Akademiker*innen "im Exil" reflektieren, muss diese Dialektik mitgedacht werden.

Was kann die (akademische) Zivilgesellschaft tun?

Der Blick auf gelingende Formen der Unterstützung für bedrohte Akademiker*innen aus vergangen Zeiten kann hilfreich sein, auch wenn darüber eine jeweils spezifische Kontextualisierung nicht verloren gehen darf. Aus dem Iraq Scholar Rescue Project der Gratias Partners (USA), vom dem von 2007-2014 insgesamt 280 Akademiker*innen profitierten, lassen sich zum Beispiel eine Vielzahl an "best practices" ableiten, darunter die große Wichtigkeit von Früherkennung, pluralem Sponsoring und, sofern möglich, der Brückenerhalt zum Herkunftsland um eine spätere Weiterbeschäftigung zu erleichtern – vor allem aber eine geduldige und flexible Haltung gegenüber den Stipendiat*innen, die als Menschen ihre neuen Positionen mit vielen belastenden Herausforderungen über ihre akademische Arbeit hinaus antreten. Auch wenn einerseits derzeit noch weit mehr Unterstützung nötig wäre, um allen bedrohten Wissenschaftler*innen in der Türkei und anderswo eine (berufliche) Zukunft zu ermöglichen, so zeichnet sich andererseits bereits an Universitäten der Trend ab, dass die Einbeziehung von "scholars at risk" als Kriterium instrumentalisiert wird, um erfolgreich Drittmittel-Anträge zu stellen, oder dass manche Staaten paradoxerweise regimetreue türkische Universitäten fördern und gleichzeitig verfolgten Wissenschaftler*innen Exil gewähren.

Nicht nur die transnationale akademische Community jedoch muss sich noch stärker gemeinsam verbünden, sondern Netzwerke und Allianzen werden auch zwischen Nicht-Akademiker*innen und anderen Akteur*innen, zum Beispiel Künstler*innen, wichtig, die die Idee von Freiheit in andere Diskursformen umsetzen können. Auch ist es elementar, dass die Wissenschaft in den betroffenen Staaten selbst nicht zugrunde gehen darf, sondern kritische Bildung dort von sicheren Ländern aus gestärkt wird. Darüber darf nicht vergessen werden, dass es oft Student*innen sind, die sich in autoritären Regimen kritisch äußern, aber von Unterstützungsprogrammen, die sich überwiegend an Graduierte wenden, meistens ausgeschlossen sind.

Auch wenn nicht nur Wissenschaftler*innen unter den Repressionen autoritärer Staaten zu leiden haben: Ist die akademische Freiheit bedroht, sind es nicht nur einzelne Existenzen, sondern auch Wissen, Werte und grundlegende gesellschaftliche Episteme. Aber der aktuelle Druck, Wissenschaft im Exil zu stärken, bietet auch neue Möglichkeiten der Internationalisierung, interdisziplinärer Zusammenarbeit und Hybridisierung akademischer Forschung.

Die Freudenberg Stiftung finanziert seit 2018 die Fellowships für zwei türkische Wissenschaftler*innen, die ihre Arbeit nun an der Universität Duisburg-Essen und dem Forum für Transnationale Studien Berlin für zwei Jahre fortsetzen können.