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23. November

AnStiftung(en). Teilhabe und Inklusion von Sinti und Roma in Deutschland und Europa

Am 23. und 24. November 2018 veranstaltete die Freudenberg Stiftung eine Informationsveranstaltung für Familiengesellschafter*innen des Unternehmens Freudenberg und die
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23.11.2018

AnStiftung(en). Teilhabe und Inklusion von Sinti und Roma in Deutschland und Europa

Am 23. und 24. November 2018 veranstaltete die Freudenberg Stiftung eine Informationsveranstaltung für Familiengesellschafter*innen des Unternehmens Freudenberg und die Mitglieder ihrer Gremien zu ihrem Handlungsfeld Teilhabe und Inklusion von Sinti und Roma in Deutschland und Europa. Hier hat die Freudenberg Stiftung früh eine Vorreiterrolle eingenommen und setzt angesichts sich aktuell europaweit wieder zuspitzender antiziganistischen Tendenzen auch künftig auf eine engagierte Weiterentwicklung ihrer Ansätze und Kooperationen in diesem Bereich.
Prof. Dr. Elizabeta Jonuz (Foto: Freudenberg Stiftung)
Im Zuge des europaweit wachsenden Populismus gewinnen antiziganistische Stimmungsmache, Übergriffe und Pogrome, wie zuletzt besonders erschreckend in der Ukraine, wieder an Aufwind. Diese knüpfen an einen historisch tief verankerten Antiziganismus an. Obwohl Sinti und Roma schon seit mindestens 600 Jahren in Europa leben, belegen Studien (z. B. FRA 2009; ADS 2014), dass sie noch immer die unbeliebteste und am stärksten diskriminierte Minderheit sind. Debatten wie in Deutschland jüngst um den "Kindergeld-Missbrauch" durch EU-Ausländer*innen bringen regelmäßig eine pauschale Ablehnungshaltung gegenüber Roma bis weit in die politische Mitte zu Tage. In gesellschaftlichen Schlüsselpositionen – von Schule bis Parlament – sind Sinti und Roma nach wie vor stark unterrepräsentiert, Wissen über ihre vielfältige Kultur und Geschichte ist bis heute kaum dokumentiert. Auch die Aufarbeitung des Genozids an den Sinti und Roma während des Nationalsozialismus wurde in Deutschland lange vernachlässigt und musste erst von der Bürgerrechtsbewegung der Sinti und Roma Ende der 1970er Jahre erkämpft werden.

Dem Stiftungsgründer Hermann Freudenberg und dem heutigen Kuratoriumsvorsitzenden Andreas Freudenberg war nicht zuletzt angesichts der nationalsozialistischen Verbrechen von Anfang an wichtig, die gesellschaftliche Teilhabe und Inklusion von Sinti und Roma zu stärken. Mit Prof. Dr. Rita Süssmuth, ehemalige Präsidentin des Deutschen Bundestags und Mitglied im Stiftungsrat der Hildegard Lagrenne Stiftung, hat die Freudenberg Stiftung seit langem eine zuverlässige Partnerin aus der Politik für ihr Engagement mit und für Sinti und Roma an ihrer Seite. In einer Videobotschaft anlässlich der Informationsveranstaltung würdigte Rita Süssmuth die wichtige Rolle der Freudenberg Stiftung und ermutigte sie, sich für dieses immer noch weitläufig vernachlässigte gesellschaftliche Thema weiterhin stark zu machen.

Das Engagement der Freudenberg Stiftung mit und für Sinti und Roma lässt sich gegenwärtig mit drei Säulen beschreiben: die Stärkung von Bündnissen und Selbstorganisationen von Sinti und Roma, die Förderung von gleichberechtigten Bildungschancen und die Abwehr von Antiziganismus in Deutschland und Europa. Die Stiftung setzt dabei bewusst auf die Zusammenarbeit mit ganz unterschiedlichen Akteuren, um den pluralen Interessen und Verbindungen der Sinti und Roma und ihrem demokratischen Wettbewerb um Ressourcen und Anerkennung gerecht zu werden. Sie widersetzt sich damit explizit der häufig von staatlicher Seite geäußerten Forderung, die Minderheit solle mit "einer" Stimme sprechen, in deren Kern essentialistische und verallgemeinernde Annahmen über Sinti und Roma stecken. Stattdessen setzt sie darauf, Mehrstimmigkeit und eine strategische Zusammenarbeit unter den unterschiedlichen Akteuren zu fördern. Auch beschränkt sich das Engagement der Freudenberg Stiftung für und mit Sinti und Roma schon längst nicht mehr nur auf Deutschland, sondern wurde Ende der 1990er Jahre dank eines von Familiengesellschafter*innen initiierten Zusatzfonds zugunsten von Projekten in Bosnien und Mazedonien erweitert, die bis heute hoffnungsvolle lokale Modelle in Europas infrastrukturell und politisch schwächsten und immer noch kriegsgezeichneten Gegenden ermöglichen. Aktuelle Fragen stellen sich zum Beispiel hinsichtlich des Umgangs mit der Freizügigkeit in der EU, aber auch hinsichtlich des gemeinsamen Gestaltens eines gesellschaftlichen Zusammenlebens unter der Voraussetzung von Diversität. Damit gehen Reflexionen über den umstrittenen Begriff der "Minderheit" und über strukturellen Rassismus, aber auch über die Sinnhaftigkeit zielgruppenspezifischer Programme einher.

Eine gemeinsam mit der Hildegard Lagrenne Stiftung initiierte Studie zu Bildungs- und Berufswegen von Sintezze und Romnja von Prof. Dr. Elizabeta Jonuz (Hochschule Hannover) und Dr. Jane Weiß (Humboldt-Universität zu Berlin) lenkte seit 2016 den Blick zudem verstärkt auf das Empowerment von Frauen und Mädchen der Minderheit. Die Studie zu erfolgreichen Biografien von Frauen mit Romno-Hintergrund, deren Ergebnisse von den beiden Wissenschaftler*innen auf der Veranstaltung vorgestellt wurden, hatte zum Ziel, den oft stereotypen Blick auf Sintezze und Romnja aufzubrechen. Interviewt wurden Sintezze und Romnja, die seit mehreren Generationen in Deutschland leben oder erst in der Kindheit eingewandert sind. Sie arbeiten als Friseurin, Rechtsanwaltsfachgehilfin, Medizinerin oder Soziologin und gelten in ihren Familien allesamt als Bildungsaufsteigerinnen. Die Studie zeigte unter anderem, dass die Familie in fast allen Fällen und gemäß den jeweiligen Möglichkeiten als wichtige Unterstützung und nicht als Hemmnis für den Bildungserfolg wahrgenommen und diese Unterstützung gerade auch mit emanzipatorischen Ideen, wie zum Beispiel "unabhängig von einem Ehemann zu sein", verbunden wurde. Während also innerfamiliär – entgegen gängiger Klischees – das Geschlecht kein Hindernis darstellte, hatten die Frauen und Mädchen in außerfamiliären Kontexten das Gefühl "doppelt und dreifach mehr" als andere leisten zu müssen, um Anerkennung zu finden. Über ihren Lebensweg hinweg lernten sie situativ zu entscheiden, wann sie sich als Sintezze oder Romnja zu erkennen geben und wann nicht. Trotz ökonomisch meist prekärer Ausgangssituationen und anderer Widrigkeiten konnten sich die Frauen also gut etablieren und einen "Mittelstand" von Sintezze und Romnja herausbilden, was auf das hohe Selbsthilfepotenzial der Frauen und Mädchen hindeutet. Die Ergebnisse führen auch vor Augen, dass strukturelle, politische und sozioökonomische Hintergründe häufig irrtümlich kulturalistisch gedeutet werden und dass ein Aufstieg gerade nicht mit einer Ablösung von Familie und "Kultur" einhergehen muss.

Im gleichen Tenor betonte auch Daniel Strauß, Wegbereiter der ersten Stunde der Bürgerrechtsbewegung der Sinti und Roma und heute Vorstandsvorsitzender der Hildegard Lagrenne Stiftung sowie Vorstandsvorsitzender des Landesverbands Deutscher Sinti und Roma Baden-Württemberg, im Panel zu "Bündnissen und Selbstorganisationen" die Wichtigkeit, Strukturen zu verändern, um echte Teilhabe zu ermöglichen und dem "Grundproblem" der gesellschaftlichen Ausgrenzung entgegenzuwirken. Als zentrale Meilensteine hierfür nannte Strauß Staatsverträge, wie er zum Beispiel zwischen dem Verband und dem Land Baden-Württemberg unter seinem Vorsitz 2013 geschlossen und im November 2018 erneuert wurde.
Unter den Selbstorganisationen besteht zudem zwischen dem aus einem Berliner Zusammenschluss hervorgegangenen und mittlerweile bundesweiten Bündnis von Sintezze und Romnja IniRromnja und der Freudenberg Stiftung eine langjährige Zusammenarbeit. IniRromja hat die Vernetzung und das Empowerment von Frauen und Mädchen mit Romno-Hintergrund und deren Sichtbarmachung als politische, künstlerische und wissenschaftliche Akteurinnen zum Ziel. Europaweite antiziganistische Übergriffe führten dazu, dass das Bündnis seit 2011 politischer als noch zu Beginn agiert. Wegen der großen inhaltlichen und personellen Überschneidungen hat sich IniRromja in 2017 mit dem Projekt RomaniPhen zusammengeschlossen, das als selbstorganisiertes Archiv unterschiedliche Formen von Wissen aus feministischer Rromani-Perspektive aufbereiten und öffentlich zugänglich machen will. Hierbei betritt RomaniPhen neues Terrain: Die Aktivistinnen betonten, wie wenig Wissen über Kultur und Geschichte der Roma, insbesondere aus der Perspektive von Roma selbst, dokumentiert ist und wie stereotyp das Thema gerade auch in der Schule behandelt werde. Der Appell, verstärkt die Stimmen und Positionen von Roma selbst einzubeziehen und sichtbar zu machen, stieß unter den Teilnehmenden zwar auf Zustimmung, jedoch nicht ohne den Vorbehalt zu äußern, von dem einen nicht ins andere Extrem zu verfallen und gemäß einem sich derzeit abzeichnenden Trend unter Aktivist*innen und Wissenschaftler*innen jeglichen Außenperspektiven per se die Legitimität abzusprechen.

2012 entstand zudem der Verein RomaTrial, der sich als "transkulturelle Selbstorganisation von Roma und Nicht-Roma" versteht und gemeinsam mit der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas in 2015 das Bündnis für Solidarität mit den Sinti und Roma Europas gegründet hat. Das Bündnis wird künftig mit einer "Beobachtungsstelle Antiziganismus" noch stärker die Mehrheitsgesellschaften in Osteuropa in den Blick nehmen. Es veranstaltet unter anderem auch den jährlichen Romaday mit Vertreter*innen aus Politik, Zivilgesellschaft und Kultur, um Sinti und Roma als Akteur*innen sichtbar zu machen und gegen Antiziganismus einzutreten. Das Bündnis setzt dabei auch auf künstlerische Strategien, um eine "radikale Dekonstruktion" stereotyper Zuschreibungen und Kategorisierungen zu erwirken. Die Aktivist*innen nehmen für sich selbstbewusst das Recht in Anspruch, ihre Identität aus eigengewählten Rollen und Lebensmodellen zu 'basteln' und als "moderne Traditionalist*innen" mit Blick auf ihren Romno-Hintergrund zu agieren, wie Gründungsmitglied Hamze Bytyci erklärte. Sie machen Kunst, forschen an Universitäten, sind Mitglied in Parteien und bewahren sich gleichzeitig Gewohnheiten ihrer Eltern und Großeltern oder setzen sich für eine Stärkung von Romanes ein, das auch als Familiensprache zunehmend seine Bedeutung verliert.

Im Bereich "Bildung und Beratung" setzt die Freudenberg Stiftung gemeinsam mit der RAA Berlin schon lange auf die Roma-Schulmediation, um gerechte Bildungschancen in der "postnationalistischen Gesellschaft" zu schaffen, so Dr. Andrés Nader, Geschäftsführer der RAA. Ziel ist es, eine Brücke zwischen Schule, Elternhaus und Schüler*innen zu schlagen und die Kinder und ihre Eltern so lange zu unterstützen, bis sie selbstständig in den Regelklassen teilhaben und mit Schule und anderen Behörden kooperieren können. Gleichzeitig werden aber auch die Pädagog*innen für die Situation der Familien sensibilisiert und z. B. in Konfliktbewältigung fortgebildet. Sabina Salimovska, die als Schulmediatorin für die RAA Berlin im Einsatz ist, betonte, wie wichtig dabei der Grundsatz sei, das Angebot nicht nur für Kinder aus Roma-Familien, sondern auch für andere Kinder, zum Beispiel mit Fluchthintergrund, zu öffnen – gerade um nicht selbst ausgrenzende Mechanismen zu reproduzieren. Ihre – durchwachsenen – Erfahrungen führten vor Augen, wie groß die Angst der Eltern vor unfreundlichen oder feindseligen Reaktionen in der Schule oft ist und dass sie als Schulmediatorin hier Sicherheit und Vertrauen vermitteln kann. Eine ähnliche Brückenrolle übernimmt auch die Madhouse gGmbH, deren Überregionale Ambulante Erziehungshilfe sowie die Familien-, Ehe- und Erziehungsberatungsstelle für Sinti und Roma im Stadtgebiet München von Fachkräften mit und ohne Romno-Hintergrund angeboten wird und die sich neben ihrem Engagement für eine zukunftsweisende Erinnerungskultur und Aufklärungsarbeit als wichtige kultursensible, aber nicht kulturalistisch agierende Unterstützungsstruktur etabliert hat.
Roma-Schulmediation mag zwar eine gute Nachqualifizierung oder provisorische Lösung sein, sollte aber überflüssig werden, wurde in der Diskussion hervorgehoben. Das eigentliche Problem stelle das fehlende beziehungsweise "kontaminierte" Wissen über Sinti und Roma in der Schule dar, das defizitorientiert sei und stereotype Bilder befördere. Dieser "tradierte" Antiziganismus führe dazu, dass sich selbst in intellektuellen Kreisen Vorbehalte und Abneigungen gegenüber Sinti und Roma hartnäckig halten, so Romeo Franz, langjähriger Geschäftsführer der Hildegard Lagrenne Stiftung und seit 2018 als erster Sinto Mitglied des Europäischen Parlaments, wo er sich seither auf höchster politischer Ebene insbesondere gegen den europaweiten Antiziganismus einsetzt.

Für eine an die Gegenwart anschlussfähige historische Bildung in der Schule hat sich bereits das von Annette Dorothea Weber (COMMUNITYartCENTERmannheim) inszenierte Klassenzimmerstück "Zigeuner-Boxer" bewährt, das seit 2014 an Mannheimer Schulen aufgeführt wird. Indem es die Geschichte des im KZ ermordeten sinto-deutschen Boxers Johann Wilhelm "Rukeli" Trollmann aus der Perspektive eines fiktiven, mit Schuldgefühlen kämpfenden Freundes erzählt, bringt es dem Publikum sowohl Täter- als auch Opferperspektive nahe. Mithilfe von eigens entwickeltem pädagogischen Material, insbesondere aber durch die direkt nach den Aufführungen angeregten Diskussionen gelingt es so, in einen intensiven, in viele Richtungen offenen Dialog mit den Schüler*innen zu treten, der von Sachthemen wie Hintergründe zu Sinti und Roma über moralische Fragen wie "Könnte ich selbst Täter oder Opfer sein?" hin zu aktuellen gesellschaftlichen Problemen wie Antisemitismus, Antiziganismus und andere Formen Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit reicht.

Wichtig sei es heute vor allem, Empowerment-Strukturen zu schaffen, so ein Konsens unter den Aktivist*innen. Dazu gehöre, repräsentative Positionen mit Roma zu besetzen und Vorbilder zu generieren ebenso wie Räume für Reflexion über strukturelle Formen von Antiziganismus und zukunftsweisende Lösungsansätze zu schaffen. Für in der Schule verwendetes pädagogisches Material müssten zum Beispiel klare Kriterien aufgestellt werden, lautete eine Forderung von Hajdi Barz (IniRromnja). Die Perspektive müsse dabei anstatt auf die "Minderheit" verstärkt auch auf die "Mehrheit" gerichtet und hierbei u. a. an die schon vorhandenen fruchtbaren Ansätze aus der interkulturellen Bildung angedockt werden, unterstrich Prof. Dr. Ursula Neumann, Erziehungswissenschaftlerin und Kuratoriumsmitglied der Freudenberg Stiftung.

Wir müssen uns die Frage stellen, "wie wir uns als Weiße in der Welt verhalten" und uns einem konstanten Prozess der Selbstaufklärung unterziehen, appellierte Andreas Freudenberg, Kuratoriumsvorsitzender der Freudenberg Stiftung, mit Blick auf die Diskussionen. Sein Dank galt insbesondere denjenigen Wegbereiter*innen, die es der Stiftung heute ermöglichen, mit selbstorganisierten Verbänden von Sinti und Roma auf Augenhöhe zusammenzuarbeiten. Der Freudenberg Stiftung ist es gelungen, sich in den Sinti- und Roma-Communities trotz derer historisch begründeten großen Vorbehalte gegenüber Programmen "von außen" ein solides Vertrauen aufzubauen. Daran will die Stiftung weiterhin anknüpfen und dabei weniger "die eine" strategische Antwort auf die gegenwärtigen Problemstellungen suchen als gemeinsam mit ihren Partnern tragfähige methodologische Ansätze erproben und weiterentwickeln.