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30. April

Erbarmen in Zeiten der Pandemie: Musikvideo und Gespräch des COMMUNITY art CENTER mannheim

Das Winterkonzert der Reihe "Musik-Welten" des COMMUNITYartCENTERmannheim (CaCm) stand in diesem Jahr ganz im Zeichen der Pandemie. Das choreografierte Konzert konnte
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30.04.2021

Erbarmen in Zeiten der Pandemie: Musikvideo und Gespräch des COMMUNITY art CENTER mannheim

Das Winterkonzert der Reihe "Musik-Welten" des COMMUNITYartCENTERmannheim (CaCm) stand in diesem Jahr ganz im Zeichen der Pandemie. Das choreografierte Konzert konnte nicht wie sonst live in der Diakoniekirche Luther in Mannheim stattfinden. Auch das Thema, das künstlerisch bearbeitet wurde, setzt sich mit der Krise auseinander und damit, wie sie – aus eigener Kraft und zugleich in Verbundenheit mit anderen – überwunden werden kann. Unter der Regie von Annette Dorothea Weber und Produktionsleitung von Mike Rausch entstand das Musikvideo "Erbarmen in Zeiten der Pandemie", das am 30.04.2021 auf YouTube Premiere hatte. Begleitet wurde die Premiere von einer digitalen Gesprächsrunde zum Thema "Erbarmen" mit Vertreter*innen unterschiedlicher Weltreligionen.
Foto: COMMUNITYartCENTERmannheim
Die Inspiration für das Thema des Musikvideos sei die eigene Gefühlslage der beteiligten Künstler*innen in Zeiten des coronabedingten Lockdowns gewesen, der sie ganz besonders getroffen habe, berichtete Annette Dorothea Weber, Regisseurin des Videos und künstlerische Leiterin des CaCm. Der seelische Ausnahmezustand, den alle verspürten, die Existenzängste und Ohnmachtsgefühle, aber immer auch verbunden mit einer tiefen Hoffnung, sollte in das musikalische Werk transportiert werden. Als lyrischer Ausgangspunkt diente Rainer Maria Rilkes Gedicht "Ich ließ meinen Engel lange nicht los", das Erbarmen als zentrales Motiv hat und zugleich von der Kraft des Loslassens handelt, das Vertrauen und neue Verbundenheit schaffen kann.

Erbarmen in den Weltreligionen

In der gemeinsamen Gesprächsrunde spürten die eingeladenen Vertreter*innen unterschiedlicher Religionsgemeinschaften, Andrea Weiß (Diakonin der Diakoniekirche Luther Mannheim), Dr. Ishar Singh Gill (Sikh-Gemeinde Mannheim) und Hue Ngo (buddhistischer Mönch) der Bedeutung des Begriffs "Erbarmen" aus der Perspektive ihres jeweiligen Glaubens noch weiter nach.

Der Austausch zeigte: Vermittelt durch unterschiedliche Lehren und Bilder, stellt Erbarmen, mit sich selbst und mit anderen, eine zentrale Handlungsmaxime in allen Religionen dar. Ob im Christentum, in dem Erbarmen und Barmherzigkeit als Nächstenliebe gegenüber Ausgegrenzten eine zentrale Rolle spielen, im Buddhismus, in dem Erbarmen – Mitgefühl – zusammen mit Weisheit die beiden Grundpfeiler des Menschseins bilden oder in den Schriften des Sikhismus, in denen Erbarmen zu einer von fünf Tugenden gehört, durch die der Mensch gottgleich werden kann.

Die verschiedenen Religionen und spirituellen Prägungen verbindet also sehr viel mehr als sie trennt, bricht man sie auf ihre wesentlichen Aussagen herunter. Werden die Grenzen zwischen ihnen betont, geht es oftmals vor allem um Machtinteressen, während ihnen im Kern dasselbe Verständnis einer guten Beziehung der Menschen zu sich und zueinander zugrunde liegt.

Künstlerische Verarbeitung der Pandemie

Was die interreligiösen Perspektiven im Gespräch zum Ausdruck brachten, vermittelt das rund zehnminütige Musikvideo "Erbarmen", künstlerisch transformiert, in einem berührenden choreografierten Arrangement.
Wie es charakteristisch für die Reihe Musik-Welten ist, fließen in dem eigens von Johannes Stange komponierten Werk ganz unterschiedliche musikalische Einflüsse und Stile ineinander. Lateinischer Messgesang, das "Erbarme dich unser", von Mezzosopranistin Barbara R. Grabowski geht über in die Klänge von Baglama (Hozan Temburwan) und E-Gitarre (Markus Hermann). Saxophon und Klarinette (Yolanda Diefenbach) haben ebenso ihren Platz wie Kontrabass (Tobias Schmitt), Percussion (Peter Hinz) und Gesang (Josefa Kreimes, Annette Ziegler, Brigitte Becker, Ingo Wackenhut, Emmerich Pilz).

In der choreografischen Erzählung von Rilkes Gedicht steht der moderne Tanz von Georgia Begbie im Fokus, in einem ausdrucksstarken, hochpräzisen Spiel mit Barbara R. Grabowski.
Es bringt zunächst Schwere, Verharren und Düsternis zum Ausdruck und löst sich dann immer mehr in friedvolles Loslassen und Beschwingtheit. Die Bewegungen, den ganzen Raum der Kirche einnehmend, werden mutiger und weiter, ringend um Balance, dann immer sicherer und freier. Die Musik heller und lebhafter. Der Raum, zunächst in Schatten getaucht, wird lichtdurchflutet, Türen geöffnet. Auf dem Kirchturm ganz oben schließlich wird die Welt unten klein und der Himmel weit.

Und so vermittelt "Erbarmen" etwas, wonach sich wohl viele Menschen im Moment sehnen: Kraft und Zuversicht, alle Widrigkeiten der Krise – aus sich selbst heraus und zugleich gemeinsam mit anderen – überwinden zu können und sich befreit und vertrauensvoll auf Neues einzulassen.

Zum Musikvideo und zur Aufnahme der Gesprächsrunde hier


Die Freudenberg Stiftung unterstützt das COMMUNITYartCENTERmannheim zusammen mit der Stadt Mannheim, der Heinrich-Vetter-Stiftung, der BT Spickschen Stiftung und den Open Society Foundations. Das Musikvideo "Erbarmen in Zeiten der Pandemie" wurde gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und dem Bundesverband Soziokultur e.V.