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26. April

The Great Reconnect: Europäisches Stiftungstreffen ARIADNE in Lille

Nach zwei Jahren coronabedingter Pause hieß es beim europäischen Stiftungstreffen des Netzwerks ARIADNE vom 26.-28.04. in Lille: Reconnect! Anstelle von vorgegebenen Themen und frontalen Vorträgen sollten die teilnehmenden Stiftungsvertreter*innen
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26.04.2022

The Great Reconnect: Europäisches Stiftungstreffen ARIADNE in Lille

Nach zwei Jahren coronabedingter Pause hieß es beim europäischen Stiftungstreffen des Netzwerks ARIADNE vom 26.-28.04. in Lille: Reconnect! Anstelle von vorgegebenen Themen und frontalen Vorträgen sollten die teilnehmenden Stiftungsvertreter*innen viel Freiraum haben, sich darüber auszutauschen, was sie in Zeiten globaler Krisen in ihrer Arbeit um- und antreibt, und auch auf persönlicher Ebene wieder in Verbindung kommen.
Bild: ARIADNE, Human Rights Funders Network (HRFN) & Gender Funders CoLab
Wir erleben Zeiten globaler Krisen, die alle irgendwie zusammenhängen - in einer "Metakrise", also einer übergeordneten Systemkrise, wie manche sagen. Die Corona-Krise ging nahtlos über in den Krieg gegen die Ukraine, Länder in Europa und weltweit werden zunehmend von populistischen Regimen regiert, der Klimawandel mit all seinen Konsequenzen ist in vollem Gange.

In diesen Zeiten kann auch philanthropisches Fördern nicht einfach weitergehen wie gehabt, das Bedürfnis nach Innehalten und Reflexion des eigenen Handelns ist groß. Gemeinsames Miteinander und Zusammenhalt, in den unterschiedlichsten Formen, scheinen dabei ein Schlüssel zu sein, wie Krisen am besten die Stirn geboten werden kann, zeigen die Erfahrungen der Teilnehmenden.

So haben viele das Gefühl, dass das Prinzip der Menschenrechtsförderung der "Collective Care", der kollektiven Fürsorge, zwar gerade in Krisenzeiten besonders wichtig ist, aber oft vernachlässigt wird – sowohl gegenüber den Partnerorganisationen als auch als interne Kultur. Eine solche Haltung der Fürsorge kann vieles bedeuten - z. B. den Partner*innen, wo möglich, administrative Arbeit zu erlassen oder zusätzliche Fördermittel zum Zweck der Selbstfürsorge zu gewähren, aber auch gegenseitige Bedürfnisse im Arbeitskontext zu kommunizieren und sie unter Rücksichtnahme auf alle so weit als möglich zu erfüllen. -> siehe The Human Rights Grantmaking Principles

Krisenzeit

Krisen schaffen Aufmerksamkeit für bestimmte Missstände – und viele blinde Flecke. In der Corona-Krise etwa blieben die Probleme von besonders betroffenen vulnerablen Gruppen wie ärmeren und migrantischen Bevölkerungsteilen lange unbeachtet. Seit Ausbruch des Ukraine-Krieges werden humanitäre Hilfen, die eigentlich für andere Krisenregionen, darunter viele afrikanische Länder, bestimmt waren, abgezogen und verschärfen dort ohnehin akute Notlagen. Hinzu kommt, dass die Ukraine als ein wichtiger Getreidelieferant auch für das Welternährungsprogramm wegen des Krieges nun ausfällt.

Auch manche Perspektiven, die wichtig für die Überwindung von Krisen sein könnten, werden oft von der globalen humanitären Gemeinschaft nur wenig einbezogen. Das Wissen und die lokale Vernetzung von Frauen etwa können - wie zuletzt in Afghanistan - unverzichtbar dafür sein, um gefährdete Mädchen und Frauen in Sicherheit zu bringen. Auch in Krisenregionen wie dem Westbalkan sind viele Probleme wie die Korruption tief mit patriarchal-religiösen Strukturen verknüpft. Der länderübergreifenden "Women's Court Initiative" dort ist es gelungen, tausende Fälle von sexualisierter Kriegsgewalt gegen Frauen, die mehr als zwanzig Jahre ungesühnt blieben, vor Gericht zu bringen.

Auch Kunst ist ein Ansatz, der helfen kann, verhärtete oder schwelende Probleme in einer Gesellschaft zur Sprache zu bringen und Menschen auf eine Weise zu erreichen, wie es sonst mit kaum einem anderen Mittel möglich ist. Zum Beispiel können gesellschaftliche Tabuthemen implizit angesprochen werden, wie eine Teilnehmerin mit Blick auf Erfahrungen mit einem internationalen Filmfestival und dem Thema LGBTQ im ländlichen Marokko machte. In einem Flüchtlingslager in Kenia halfen künstlerische Aktivitäten Kindern und Jugendlichen, ihre Situation zu verarbeiten und sie zu empowern, ähnliches ermöglichten Kunst-Projekte einer Stiftung mit behinderten Menschen. In unserer eigenen Arbeit setzen wir auf Community Art - bisher in Mannheim und künftig auch deutschland- und europaweit - als professionelle Dialog- und Veränderungskunst für Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Um den bisher noch nicht stark verbreiteten Ansatz, mit Kunst demokratische Prozesse weltweit zu stärken, weiterzuentwickeln und mit mehr Ressourcen auszustatten, könnte es helfen, den Bereich der Kunstförderung noch stärker mit dem der Menschenrechtsförderung zu alliieren. Auch Social Media "Artivists" könnten durch Stiftungen stärker unterstützt werden sowie Kunst auf popkulturellen Kanälen und in Bereichen wie Netflix oder Gaming. Wichtig sei es aber, die künstlerische Unabhängigkeit durch eine Förderung nicht zu beschneiden und gerade im Bereich der Kunst eine Sensibilität für die wichtige Rolle von Erinnerung und Geschichte zu bewahren, diskutierten die Teilnehmer*innen.

Intersektionalität als Schlüsselprinzip

Die ganz unterschiedlichen inhaltlichen und geografischen Themen der teilnehmenden Stiftungen, alle unweigerlich verortet in einem Kontext globaler, miteinander verwobener Krisen, zeigen, dass Intersektionalität ein wegweisendes Prinzip der Philanthropie der Gegenwart sein muss.

Stiftungen dürfen Themen und Probleme nicht als separate "Silos" betrachten, sondern müssen ihren Blick dafür schärfen, wie sie zusammenhängen und in welchen Allianzen sie vorangebracht werden können. Verschiedene Bewegungen, wie z. B. Frauen- und Umweltbewegungen können sich gemeinsam für ihre jeweiligen spezifischen und gleichzeitig übergeordnete gemeinsame Ziele und Visionen stark machen.

Der untrennbare Zusammenhang vieler Problemstellungen kann sich dabei auch politisch zu Nutze gemacht werden, indem Themen, z. B. Umweltmaßnahmen, die vielleicht satzungsgemäß nicht für eine Förderung vorgesehen sind, zugunsten einer bestimmten Community mit einer anderen programmatischen Einbettung, etwa der Demokratieförderung, unterstützt werden können.

Eng damit verbunden, geht es auch darum, eine zunehmende Sensibilität dafür zu entwickeln, philanthropische Arbeit angesichts der eigenen privilegierten Position zu dekolonialisieren, also Machtstrukturen zu reflektieren und aufzubrechen und hierbei vor allem auch den von massiven Ausschluss- und Diskriminierungsmechanismen durchzogenen digitalen Raum miteinzubeziehen (s. Initiative "Decolonising Digital Rights")

Direktkontakt

Bei den jährlichen Ariadne-Treffen wird den Teilnehmenden immer der Besuch bei einer lokalen NGO oder Initiative vor Ort ermöglicht, zumeist gefördert von einer der beteiligten Stiftungen.

In diesem Jahr war eine Gruppe eingeladen, zwei Initiativen von Rom*nja in einer staatlich errichteten Wohnwagensiedlung in einer Randlage von Lille zu besuchen und somit noch ein anderes Gesicht der sonst so pittoresken Stadt kennenzulernen.

Die Frauen dort haben sich 2013 zum "Collectif des Femmes d'Hellemmes Ronchin" zusammengeschlossen und kämpfen seither für bessere Lebensbedingungen in der Siedlung, die zwischen zwei Fabriken angelegt ist. Haut- und Lungenkrankheiten, vor allem bei Babys und Älteren, sind die Folge, hinzu kommt die Gefahr durch die permanent passierenden LKWs. Die Miet- und Stromkosten sind weitaus höher als in vergleichbaren gebauten Unterkünften. Mit am schlimmsten für die Menschen war jedoch, dass sie ihre Freiheit verloren hatten, erzählte die Vorsitzende der Initiative: Wohnwagen konnten das durch eine Schranke versperrte Gelände nur nach offizieller Genehmigung verlassen. Erst ein verheerender Brand vor einigen Wochen, als die Schranke die Zufahrt der Feuerwehr verhinderte, und zahlreiche Protestaktionen der Frauen hatten zu Folge, dass das Gelände nun voraussichtlich offen bleibt - ein kleiner Sieg für die Initiative.

Die Initiative "Ecole pour Tous" wurde 2018 von einer jungen Romnja gegründet, die mit ihrer Familie einst aus Rumänien nach Frankreich eingewandert ist und dort zunächst in den Bidonvilles von Paris lebte. Heute ist sie 32 Jahre alt und Anwältin. Ihr Ziel war es, etwas für die rund 100.000 Minderjährigen in Frankreich zu tun, die - wie sie selbst zunächst - keinen Zugang zu Schulbildung haben: aus administrativen Gründen, etwa weil ein Wohnnachweis nicht erbracht werden kann, weil ihre Minderjährigkeit angezweifelt wird oder weil sie von Lehrer*innen und Mitschüler*innen in der Schule so stark diskriminiert werden, dass sie selbst nicht mehr zum Unterricht gehen wollen. Neben Kindern und Jugendlichen aus Roma-Familien sind in Frankreich z. B. viele Minderjährige aus den Übersee-Départements oder afrikanischen Ländern von Ausschluss oder Ausgrenzung aus dem Bildungssystem betroffen. "Ecole pour Tous" arbeitet heute mit großen Partnern wie UNICEF zusammen - Entscheidungsträger*innen sind aber immer die jungen Mitglieder allein, die als premiers concernés selbst am besten wissen, welche Hürden einem gleichberechtigten Zugang zu Schulbildung für alle im Wege stehen.

Zu sehen, mit welcher Solidarität, Klugheit und Willenskraft die jungen Menschen mit schlechtesten Startbedingungen für ihre eigenen Zukunft und die anderer über Herkunftsgrenzen hinweg eintreten und dadurch wichtige Erfolge, auch auf struktureller Ebene, erzielen konnten, muss den privilegierten philanthropischen Sektor demütig stimmen - und den Anstoß dazu geben, von Ungleichheit Betroffenen weltweit die Ressourcen zu Verfügung zu stellen, die sie ermächtigen, selbst für ihre Interessen einzutreten.



Die Freudenberg Stiftung ist seit 2017 Mitglied bei Ariadne, einem europäischen Peer-to-Peer-Netzwerk von Stiftungen und Philanthrop*innen, die im Bereich gesellschaftlicher Wandel und Menschenrechte tätig sind.