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22. November

Engagement in Ostdeutschland ist vielfältig

Junge Perspektiven und Positionen von (post)migrantischen Menschen in Ostdeutschland kommen im öffentlichen Diskurs kaum vor. Die Gründe dafür sind vielfältig. Eine Ursache kann in der Vergangenheit gefunden werden: Vertragsarbeiter*innen, die für
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22.11.2022

Engagement in Ostdeutschland ist vielfältig

Junge Perspektiven und Positionen von (post)migrantischen Menschen in Ostdeutschland kommen im öffentlichen Diskurs kaum vor. Die Gründe dafür sind vielfältig. Eine Ursache kann in der Vergangenheit gefunden werden: Vertragsarbeiter*innen, die für die Arbeit in der DDR angeworben wurden, lebten schon damals isoliert von der Mehrheitsgesellschaft. Kontakte wurden staatlich nicht gewünscht. Die Fantasie einer homogenen Gesellschaft von einem "Die" und "Wir" wurde durch staatliche Maßnahmen aufrechterhalten.
Foto: Benjamin Jenak, Die Rederei
Doch natürlich war das System durchlässiger als vom Staat beabsichtigt. Beziehungen sind entstanden, Kinder wurden geboren und Vertragsarbeiter*innen sind nach der politischen Wende geblieben. Und nach der Wiedervereinigung hat die Dichotomie von "westdeutsch" und "ostdeutsch" die Perspektive von "ostdeutsch" und "migrantisch" überlagert. Die Homogenitätsfantasie war so verankert, dass es im Grunde kein Narrativ gab, das migrantische und spezifisch ostdeutsche Erfahrungen zusammenbrachte.

Das Projekt JUGENDSTIL* der Stiftung Bürger für Bürger möchte dies ändern und diesen Stimmen und Erfahrungen einen Platz geben. Das Projekt hat es sich zur Aufgabe gemacht, selbstorganisierte, junge (post)migrantische Initiativen in Ostdeutschland zu stärken und zu vernetzen und postmigrantisches Engagement in Ostdeutschland überhaupt sichtbar zu machen.

Die Freudenberg Stiftung ist mit Blick auf die lange Traditionslinie zur Engagement- und Demokratieförderung in Ostdeutschland eingeladen worden, im Beirat des Projekts mitzuwirken. Nach zweieinhalb Jahren Projektlaufzeit wurde am 22. November Bilanz gezogen: Das JUGENDSTIL*-Netzwerk umfasst mehr als 50 Initiativen von über 500 jungen, postmigrantischen Menschen in Ostdeutschland. Sie positionieren sich erfolgreich in gesellschaftlichen Diskursen und tragen zu einer starken Lobby für Toleranz und gesellschaftlichen Zusammenhalt bei. Vom Hör-Spaziergang von "Safe Harbour", der eine Spurensuche der Migration in Wismar ermöglicht, bis hin zu "Wir wollen reden", einem Aufklärungsprojekt in einer Erstaufnahmeeinrichtung in Suhl, ist das Engagement der jungen Menschen vielfältig.

Bei der Veranstaltung am Dienstag diskutierten Trong Do Duc von Mikopa aus Leipzig, Amad Anosh von Jugend Spricht aus Rostock und Sara und Rama Taktak vom Geflüchteten-Netzwerk aus Cottbus mit den Teilnehmenden und gaben vielfältige Einblicke in ihre Lebens- und Erfahrungswelt.

Für die Zukunft wünschen sich die Initiativen von der Mehrheitsgesellschaft eine kritische und migrationssensible Auseinandersetzung mit den eigenen Handlungs- und Denkmustern. Insbesondere Stiftungen könnten zur Förderung von (post)migrantischem Engagement in Ostdeutschland einen entscheidenden Beitrag leisten. Mit Blick auf die Zielgruppe bedürfte dies aber mehr Flexibilität und weniger Bürokratie in den eigenen Statuten, das Einbeziehen der migrantischen Perspektiven bei der Entwicklung von Förderprogrammen und die Ermöglichung längerfristiger Förderungen, die eine strukturelle Sicherheit garantieren. Eine erste sehr konkrete Forderung: Mehrsprachige Antragsformulare, um Zugänge zu Fördermitteln zu öffnen. "Englisch wäre ja schon ein Anfang", so Rama Taktak bei der Diskussion.

Einblicke in die beeindruckenden Initiativen gibt es hier


Das Projekt JUGENDSTIL* wird von der Stiftung Bürger für Bürger in Zusammenarbeit mit DaMOst – dem Dachverband der Migrantenselbstorganisation in Ostdeutschland umgesetzt und vom BMFSFJ und der Beauftragten der Bundesregierung für Integration gefördert. Mit weiteren privaten Mitteln anderer Stiftungen wird der IDEENFONDS* des Projektes realisiert, der den Initiativen Mittel in Höhe von bis zu 1.000 EUR zur Realisierung der Projektideen zur Verfügung stellt. Die Freudenberg Stiftung beteiligt sich ideell über die Mitwirkung im Beirat und durch fachliche Beratung am Projekt.