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01. April

Rucksack Schule: Ergebnisse der Wirksamkeitsstudie 2015-2018

Das Programm Rucksack Schule zur Förderung der Sprach- und Elternbildung richtet sich an mehrsprachig aufwachsende Schüler*innen und ihre Eltern der Klassenstufen 1 bis 4. Die Wirksamkeit des Programms wurde im Rahmen einer Längsschnittuntersuchung
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01.04.2019

Rucksack Schule: Ergebnisse der Wirksamkeitsstudie 2015-2018

Das Programm Rucksack Schule zur Förderung der Sprach- und Elternbildung richtet sich an mehrsprachig aufwachsende Schüler*innen und ihre Eltern der Klassenstufen 1 bis 4. Die Wirksamkeit des Programms wurde im Rahmen einer Längsschnittuntersuchung von 2015-2018 von der Universität Hamburg evaluiert und die Ergebnisse am 01. April 2019 beim Fachtag Rucksack Schule in Unna vorgestellt.
Prof. Dr. Drorit Lengyel (Foto: Max Rolke – Kreis Unna)
Ganz erstaunt seien die türkischstämmigen Eltern zu Beginn des Programms gewesen, berichtete Heidi Sumann, Leiterin der Viktoriaschule Lünen, an der Rucksack Schule seit vielen Jahren fester Bestandteil des Schullebens ist. So wichtig solle die Herkunftssprache plötzlich genommen werden, einen offiziellen Platz im Unterricht einnehmen? Über Jahre hinweg seien Schüler*innen ausländischer Herkunft und ihre Eltern "beiseite gepackt" worden, so auch Suat Yilmaz, Leiter der Landesweiten Koordinierungsstelle Kommunale Integrationszentren (LaKI). Rucksack Schule trage hier wesentlich zu einer Haltungsveränderung und einem Empowerment von Familien – und insbesondere von Frauen – mit Migrationsgeschichte bei.

Rucksack Schule setzt auf eine durchgängige sprachliche Bildung, indem es Themen des Klassenunterrichts aufgreift, die zeitgleich im Herkunftssprachenunterricht und in Elterngruppen aufgearbeitet werden. Die Elterngruppen verfolgen den Ansatz des Peer-to-Peer-Learning und bieten den Leiterinnen nicht nur soziale Anerkennung, sondern auch die Möglichkeit einer Erwerbstätigkeit. Ausgehend von der sprachwissenschaftlichen Erkenntnis, dass für einen guten Erwerb der deutschen Sprache eine solide Basis in den Herkunftssprachen unterstützend wirkt, baut das Programm auf die drei Säulen der Kompetenzorientierung, Parallelisierung und Kooperation innerhalb und außerhalb der Schule. Es versteht sich als ein Angebot zur migrationssensiblen und diversitätsbewussten Schul- und Unterrichtsentwicklung. Mit Unterstützung der LaKI ist Rucksack Schule an vielen Schulen Nordrhein-Westfalens etabliert, weitere Rucksack Schule-Gruppen wurden in verschiedenen Bundesländern und in Oberösterreich eingerichtet. Im Kreis Unna wurde das Programm Rucksack Schule im Rahmen der Wirksamkeitsstudie der Universität Hamburg von 2015 bis 2018 mit insgesamt vier Messzeitpunkten in fünf Rucksack- sowie fünf Vergleichsschulen evaluiert.

Rucksack Schule fördert eine balancierte Zweisprachigkeit, stellten die Wissenschaftlerinnen Prof. Dr. Drorit Lengyel und Dr. Vesna Illić als eines der wichtigsten Ergebnisse der Studie heraus. Die signifikante Verbesserung der türkischen Sprachkompetenz der teilnehmenden Schüler*innen gehe dabei nicht auf Kosten der deutschen Sprache. Da Rucksack Schule die Häufigkeit der außerschulischen Lese- und Schreibaktivitäten in beiden Sprachen fördert, ist anzunehmen, dass durch den Aufbau literaler Routinen langfristig auch die schriftsprachliche Kompetenzentwicklung im Deutschen, bei der sich bislang zwischen den beiden Gruppen keine Unterschiede zeigen, profitieren wird. Erkennbar ist aber bereits jetzt der deutliche Zuwachs gerade an bildungssprachlichen Elementen im Deutschen der teilnehmenden Kinder. Für die Ergebnisse im Türkischen erweist sich die Teilnahme am Programm Rucksack Schule als drittstärkste Einflussgröße nach dem vorhandenen Sprachstand und dem kulturellen Kapital der Familien, gemessen an der Anzahl der Bücher im Haushalt.

Eine große Stärke des Programms, das als "Rucksack Kita" und "Griffbereit" bereits in der Frühförderung eingesetzt wird, liege in der institutionsübergreifenden Unterstützung an den Übergängen, so Prof. Dr. Lengyel. Daher sei eine Weiterentwicklung des Programms für die Sekundarstufe anstrebenswert oder auch ein noch früherer Beginn der Förderung mit einem Angebot für die Kleinsten. Die aktuelle Zusammensetzung der Schulgemeinschaften verlangt außerdem verstärkt die Einrichtung von heterogenen Rucksack-Gruppen, also Gruppen, in denen Eltern und Kinder verschiedener Herkunftssprachen zusammenkommen und die entsprechend auf Deutsch abgehalten werden. Nicht zuletzt ist in Augenschein zu nehmen, wie auch digitale Rucksack-Formate entwickelt und in das Programm integriert werden können. Hinsichtlich der Wirksamkeitsmessung ist derzeit eine Follow-up-Studie in Klasse 7 fest geplant, um herauszufinden, ob die positiven Effekte der Teilnahme am Programm mittelfristig spürbar bleiben. Auch die Durchführung einer Experimentalstudie, um Erkenntnisse darüber zu gewinnen, wie Rucksack Schule tatsächlich in der Unterrichtspraxis umgesetzt wird, ist ein Vorhaben der Wissenschaftlerinnen.

Angesichts der überzeugenden Studienergebnisse, die von den Erfahrungsberichten der Schulvertretungen und Elternbegleiterinnen untermauert wurden, erfuhr das Programm große Anerkennung und Unterstützung seitens der anwesenden Kommunal- und Landespolitiker*innen. Bildung von Herkunft zu entkoppeln ist unsere Jahrhundertaufgabe, appellierte Suat Yilmaz (LaKI). Rucksack ist daher kein "nice to have", sondern eine strategische Entscheidung für einen Paradigmenwechsel hin zu einem zeitgemäßen Verständnis von Wissen und Kompetenzen und deren Vermittlung in unserer globalisierten Migrationsgesellschaft.

Artikel zur Veranstaltung des Kreises Unna

Video zur Veranstaltung des Kreises Unna

Die Freudenberg Stiftung fördert die Weiterentwicklung des Programms Rucksack Schule seit 2006.