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22. Februar

Zur emotionalen Lage junger Menschen im zweiten Lockdown: Videokonferenz der Weinheimer Initiative

In einer weiteren Videokonferenz der Reihe "Corona-Krise und Berufsbildung" der Weinheimer Initiative am 22. Februar 2021 ging es um die emotionale Lage junger Menschen
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22.02.2021

Zur emotionalen Lage junger Menschen im zweiten Lockdown: Videokonferenz der Weinheimer Initiative

In einer weiteren Videokonferenz der Reihe "Corona-Krise und Berufsbildung" der Weinheimer Initiative am 22. Februar 2021 ging es um die emotionale Lage junger Menschen im zweiten Lockdown. Was belastet sie in der aktuellen Situation am meisten, wie kann die Jugendhilfe unterstützen und welche Reformimpulse für die Schule in Post-Corona-Zeiten ergeben sich? Vertreter*innen aus Wissenschaft und Praxis diskutierten unter Moderation von Ragna Melzer.
Wurde sich zu Beginn der Krise vor allem um ältere Menschen gesorgt, zeigen neue Studien, dass es vielmehr die jüngeren sind, die im Lockdown besonders unter Einsamkeit leiden. Ihr Bedürfnis nach Kontakten ist insgesamt höher, aber auch Stressoren wie Zukunftsängste sind bei ihnen stärker ausgeprägt. Dabei verschärft der Lockdown die ohnehin ungleiche Verteilung von Beziehungen: In Freundesnetzwerken müssen jetzt Prioritäten gesetzt werden, manche, die zuvor am Rand standen, fallen "hinten runter". Gelegenheiten, um neue Freund*innen zu finden oder aus Bekanntschaften Freundschaften werden zu lassen, bleiben weitgehend aus (Dr. Janosch Schobin).

Benachteiligte Jugendliche in Gefahr

Junge Menschen in prekären Situationen, z. B. mit materiellen oder gesundheitlichen Schwierigkeiten, leiden durch die Krise besonders, zeigen sowohl eine Studie des Instituts für Jugendkulturforschung Wien als auch die Erfahrungen der anwesenden Fachkräfte. Schwächere Schüler*innen werden online noch weiter abgehängt und das gerade jetzt gefragte hohe Maß an Selbstorganisation fällt z. B. schulmüden Jugendlichen besonders schwer. Oftmals drohe ein Rückzug in problematische Verhaltensweisen (Angela Dietz). Auch Jugendliche mit Behinderung nehmen Unterstützungsangebote der Jugendhilfe im Lockdown deutlich stärker wahr, scheinen also besonders unter der Situation zu leiden (Rudi Kloss). Bundesweit manövrieren Jugendhilfeeinrichtungen aktuell mit kreativen Lösungen, um ihre Zielgruppen auch jetzt möglichst gut zu begleiten: Dazu gehören vielfältige digitale Freizeit- und Beratungsangebote, individuelle Spaziergänge, die einen persönlichen Kontakt außerhalb des familiären Umfeldes ermöglichen, aber auch ganz praktische Hilfen wie Lunch-Pakete oder Arbeitsgeräte.

Jugendliche als Expert*innen für ihre eigene Situation

Ein bisher zu wenig beachtetes Thema scheint die Beteiligung der Jugendlichen zu sein bei der Gestaltung von Maßnahmen, die sie selbst betreffen. In einer von der Universität Hildesheim durchgeführten Studie zu Jugend und Corona hatten fast 65 % der Befragten den Eindruck, ihre Sorgen würden eher nicht oder gar nicht in der Politik gehört. Jugendliche müssten also stärker als Expert*innen für ihre eigene Situation wahrgenommen und hierfür geeignete Formate entwickelt werden, die sicherstellen, dass Heranwachsende aller Milieus und nicht nur privilegierte einbezogen werden. Für den von der Montag Stiftung Denkwerkstatt initiierten Bürgerrat Bildung und Lernen zum Beispiel werden (junge) Menschen per Zufallsverfahren zur Teilnahme eingeladen, um genau diese Verteilung zu ermöglichen.

Wie geht es weiter?

Die bedeutende Rolle der Schule als Sozialraum stärker wahrzunehmen, drängt sich vor dem Hintergrund der Erfahrungen im Lockdown als eine Entwicklungsaufgabe für die Zukunft auf. Hierfür braucht es innovative Ansätze, die auch sozial integrative bauliche Konzepte einschließen (Dr. Karl-Heinz Imhäuser).
Fest steht aber bereits jetzt: Die Bildungsrückstände vieler Kinder und Jugendlicher durch die Krise sind enorm. Die nationale Anstrengung in der Post-Corona-Zeit werde daher darin liegen, geeignete Zusatzangebote zu entwickeln, um diese wieder aufzufangen. Und in der Schule müsse über das Erlebte geredet werden: Eine schnelle Rückkehr zum "Business as usual" könne es nicht geben (Prof. Dr. Olaf Köller).



Die Freudenberg Stiftung ist Mitinitiatorin und Mitglied der Weinheimer Initiative zusammen mit den Mitgliedskommunen der Arbeitsgemeinschaft.