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23. März

Romnja* Power Month: (Un)sichtbare Erfolge von Sintize und Romnja

Entgegen gängiger Vorurteile sind viele Frauen aus der Minderheit beruflich erfolgreich und politisch engagiert, zeigt die Studie "(Un)sichtbare Erfolge. Bildungswege von Sintize und Romnja in Deutschland" von Elizabeta Jonuz und Jane Weiß. Im Rahmen
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23.03.2021

Romnja* Power Month: (Un)sichtbare Erfolge von Sintize und Romnja

Entgegen gängiger Vorurteile sind viele Frauen aus der Minderheit beruflich erfolgreich und politisch engagiert, zeigt die Studie "(Un)sichtbare Erfolge. Bildungswege von Sintize und Romnja in Deutschland" von Elizabeta Jonuz und Jane Weiß. Im Rahmen des diesjährigen Romnja* Power Month der feministischen Selbstorganisation RomaniPhen am 23. März 2021 stellten die Autorinnen ihr Buch vor und diskutierten im Anschluss mit Eren Ünsal, Leiterin der Landesstelle für Gleichbehandlung Berlin (LADS), und Dr. Pia Gerber, Geschäftsführerin der Freudenberg Stiftung, unter Moderation von Hajdi Barz (RomaniPhen).
Einen radikalen Perspektivenwechsel vorzunehmen war das Hauptanliegen der qualitativen Studie zu den Bildungs- und Berufswegen erfolgreicher Sintize und Romnja, so die Autorinnen Elizabeta Jonuz und Jane Weiß. Frauen und Mädchen aus der Minderheit werden in der Gesellschaft gemeinhin entweder als ungebildete, unterdrückte "Opfer" der eigenen Familien und "Kultur" oder als kriminell wahrgenommen. Dieses Bild wird durch die Medien, aber auch die Wissenschaft reproduziert, etwa durch eine voreingenommene Dateninterpretation in Studien und tradierte "rassistisch kontaminierte" Wissensbestände zu Sinti*ze und Rom*nja.

Um den stereotypen und defizitorientierten Blick aufzubrechen, rückten Jonuz und Weiß Bildungsaufsteiger*innen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen aus der Minderheit in den Fokus und fragten: Wie konnten sie ihre jetzigen beruflichen Positionen trotz rassistischer Strukturen erreichen und welche Erfahrungen machten sie dabei?

Familie und Bildung als Ressourcen

Die Erzählungen und Deutungen der interviewten Frauen zeigten: Die viel bemühte Zuschreibung, ihre eigenen Familien seien ein Hindernis für ihren Bildungserfolg, lässt sich mitnichten aufrechterhalten. Durchgängig nahmen die Frauen die vorbehaltlose Unterstützung ihrer Familien als starke Ressource wahr. "(…) Mir und meiner Schwester wurde mitgegeben, dass wir alles machen können, was wir wollen. Und auch unabhängig davon, ob wir Mädels oder Jungs sind (…)", so etwa eine 41-jährige Sintiza, die heute als Künstlerin arbeitet.

Die Schule hingegen war ein Ort, an dem praktisch alle der befragten Frauen, oft erstmals, Erfahrungen mit Rassismus machten - ein Ergebnis, das auch eine kürzlich veröffentlichte Studie von RomnoKher stützt mehr. Es gelang ihnen jedoch allen, Strategien des Widerstandes zu entwickeln und qualifizierende Abschlüsse zu erlangen. Dadurch eigneten sie sich Bildung als Ressource an und eröffneten sich einen Raum für eine selbstbestimmte gesellschaftliche Verortung. Ihr langer Kampf um Anerkennung führte bei den interviewten Frauen zu einer Politisierung: Sie setzen sich heute aktiv gegen Diskriminierungen, die sie selbst betreffen, aber auch gegen andere gesellschaftliche Missstände ein.

Empowerment und strukturelle Öffnung

Wie können die Erkenntnisse der Studie in der politischen und praktischen Arbeit nutzbar gemacht werden und welche weiteren Schritte sind notwendig, um eine gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe von Sintize und Romnja zu erreichen – auch mit dem Ziel, dass Frauen aus der Minderheit in allen gesellschaftlichen Bereichen auf allen hierarchischen Ebenen vertreten sind? Das Gespräch der Autorinnen mit Eren Ünsal und Dr. Pia Gerber zeigte, dass ungewöhnliche Allianzen, das Vertrauen der Selbstorganisationen der Minderheiten in ihre mit Bedacht gewählten Bündnispartner*innen, Empowerment durch Vorbilder und Netzwerke gepaart mit Gatekeeper*innen, die Türen aufmachen oder offen halten, dazu beitragen können. Entsprechende rechtliche Grundlagen und eine rassismussensible Verwaltung sind ebenso wichtig wie starke zivilgesellschaftliche Initiativen und die individuellen materiellen Voraussetzungen, mögliche Zugänge zu Bildung überhaupt wahrnehmen zu können.

Empowerment ist vor allem dann selbstbestimmt und glaubwürdig, wenn es aus der Minderheit heraus erfolgt, von Selbstorganisationen wie RomaniPhen, der Hildegard Lagrenne Stiftung, RhomnoKher und vielen anderen. Hier setzt der jährliche Romnja* Power Month ein starkes Zeichen, der Sintize und Romnja als politische, künstlerische, intellektuelle Akteurinnen bundesweit sichtbar machen will. Der Romnja* Power Month wird von der feministischen Initiative IniRromnja und RomaniPhen seit 2016 zwischen dem 8. März – dem internationalen Frauentag – und dem 8. April – dem internationalen Tag der Romn*ja – veranstaltet. In diesem Jahr findet er online statt, erstmals begleitet von einer wöchentlichen Podcast-Reihe. Weitere Veranstaltungen sind neben Lesungen, u. a. aus "Vater unser- eine Sinti Familie erzählt" (Anita Awosusi) und "Uns hat es nicht geben sollen" (Rosa Gita Martl), Filmvorführungen, u. a. zu Polizeigewalt gegen Sinti*ze und Rom*nja, Workshops zu rassismuskritischer Bildungsarbeit sowie mehrere Konzerte. Gewidmet ist der Romnja* Power Month in diesem Jahr der kürzlich verstorbenen polnischen Romni Alfreda Noncia Markowska, die während des Nationalsozialismus rund fünfzig Kinder vor der Vernichtung rettete.

Das Buch "(Un)sichtbare Erfolge. Bildungswege von Sintize und Romnja in Deutschland" erschien 2020 im Springer Verlag. Die Durchführung und Veröffentlichung der Studie wurden von der Freudenberg Stiftung maßgeblich mit angeregt und gefördert. Neben anderen Selbstorganisationen der Minderheit unterstützt die Freudenberg Stiftung außerdem den Verein RomaniPhen.